von Karina Sturm

Ich habe mich heute entschieden ein offensichtliches Tabuthema anzusprechen, das viele von uns schon erlebt haben – die Traumatisierung durch Ärzte.

Im ersten Moment erscheint der Begriff „Trauma“ unrealistisch. Man verbindet es mit Krieg, Vergewaltigung und ähnlichem. Kaum jemand würde auf die Idee kommen dieses Wort mit chronischen Krankheiten in Verbindung zu bringen.

Doch auch sonst gesunde Menschen kennen die ein oder andere Situation in der wir uns oft wiederfinden. Müssen sie doch auch ab und an ärztlichen Rat aufsuchen und erleben es, wie ihr Hausarzt kaum fünf Minuten Zeit hat, um sich die Beschwerden anzuhören. Für Menschen ohne ein dauerhaftes Problem ist dies zwar eine negativ in Erinnerung bleibende Erfahrung, aber dennoch nicht direkt ein Trauma, wie wir uns das sonst vorstellen.

Ein Vorkommnis dieser Art ist ein Zufall, zwei sind dann schon nervig, aber wie wäre es mit 20, 30 oder mehr solcher und schlimmerer Ereignisse. Wie steckt man das als Patient weg?

In meinem direkten Umfeld und unter den unzähligen Betroffenen meiner Erkrankungen ist es nahezu an der Tagesordnung Enttäuschungen zu verarbeiten. Und nicht immer ist das leicht, denn viele dieser Termine haben schwere Konsequenzen für uns.

Mediziner die sich mit uns auseinandersetzen wollen sind rar. Findet man doch jemanden (und meist sind diese Ärzte dann sehr weit weg) ist die Hoffnung auf Hilfe groß und man fällt mit jeder Enttäuschung ein Stückchen tiefer.

Jeder negative Arztbefund kann für uns große Probleme mit anderen Ärzten, Krankenkassen oder diversen Sozialversicherungen bedeuten. Jeder Termin ist für uns ein Risiko, welches im schlimmsten Fall bedeutet Leistungen zu verlieren, die wir zum überleben brauchen.

Vielen nicht kranken Menschen ist es nicht klar, wie schmal der Weg ist, auf dem wir uns bewegen. Jede Enttäuschung bringt uns dem Abgrund ein Stückchen näher. Jede Hoffnung die enttäuscht wird lässt ein kleines Stück Vertrauen in unser Gesundheitssystem, in die Ärzte und in uns selbst kaputtgehen.

Viele von uns haben schon bis zu ihrer Diagnosefindung diverse Jahre voller Enttäuschung, Unverständnis und teilweise purer Beleidigung hinter sich. Ist man irgendwann an dem Punkt an dem das Urvertrauen in die Ärzte, das uns von klein auf mitgegeben wird, erschöpft, so wird die Situation sehr schwierig.

Es entwickelt sich eine Art Angst vor Ärzten; davor dass uns wieder nicht geglaubt wird, dass wir abgelehnt werden oder im schlimmsten Falls sogar belächelt werden. Bedenkt man nun, dass wir auf unserem Weg beinahe wöchentlich solche Erfahrungen machen, ist es vermutlich kein Wunder, dass wir Ärzten mit Skepsis, Misstrauen und in Abwehrhaltung gegenübertreten.

Dieses Verhalten führt jedoch noch weniger zum gewünschten Ziel, einen Arzt zu finden mit dem wir arbeiten können. Ganz im Gegenteil, es führt dazu, dass wir möglicherweise die Ärzte die uns wirklich wohlwollend gesinnt sind durch unsere wütende Art verschrecken, denn diese wissen ja nicht wo wir schon herkommen und was wir auf unserem Weg schon erlebt haben.

Ich habe eine sehr lange Zeit gebraucht, um einen Weg zu finden mit dem Druck, der Frustration und der Wut umzugehen die manche Termine mit sich bringen. Und es ist auch nach fünf Jahren nicht einfacher geworden, aber man lernt dazu und wächst daran. Man wird stärker. Auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin, dass es all das nicht bräuchte. Ich meine, ganz ehrlich, wer muss denn schon solche Erfahrungen machen? Ich hätte gut und gerne in dem Glauben weiterleben können, dass alle Ärzte meine Freunde sind und sich um mich kümmern, egal welches Wehwehchen ich habe.

Ich hätte gerne meine naive Weltanschauung behalten, doch so läuft es eben nicht. Als chronisch Kranker muss man weit mehr wegstecken können als „nur“ die reine Krankheit. Man muss lernen damit umzugehen, dass im Leben sehr viel unfair ist und dass man teilweise sogar dafür kämpfen muss, dass andere Menschen uns tatsächlich als krank akzeptieren. (Wie ironisch, wo wir doch alle eigentlich am liebsten gar nicht krank wären).

Karina Sturm, durch die vielen Fehldiagnosen traumatisiert

Karina Sturm, durch die vielen Fehldiagnosen traumatisiert

 

Wie ich nun dieses Trauma verarbeite?

Ich spreche darüber. Ich bin einfach absolut ehrlich zu den Ärzten die ich gerne in meinem Team hätte. Viele verstehen dann auch weshalb man vielleicht in der ein oder anderen Situation komisch reagiert und direkt wütend wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist die andauernde Frage nach meinem psychischen Befinden, die mich praktisch in null Sekunden auf 180 bringt.

Ich versuche nicht mehr zu viel zu erwarten. Meine Ärzte müssen nicht zwangsläufig schon Spezialisten für meine seltene Erkrankung sein, vielmehr müssen sie offen dafür sein Neues zu lernen und mit mir zusammenzuarbeiten. Ehrliches Interesse ist wichtiger als pures Wissen, das kann erlernt werden.

Und am Wichtigsten: Ich versuche offen für die Vorschläge des Arztes zu sein, ihn zu respektieren und zu verzeihen.

Trotz alledem habe ich nach wie vor viele schlechte Termine, das wird sich wohl nie vermeiden lassen. Aber ich habe gelernt nicht den nächsten Arzt für den Mist eines anderen zu verurteilen.

Die Wut loszuwerden die ich auf das gesamte deutsche Gesundheitssystem hatte (und oft auch noch habe) war wohl mit eine der größten Herausforderungen in den letzten Jahren. Aber so schwierig es auch ist, Wut bringt einen nicht weiter sondern hält nur auf. Und auch wenn es unfair, gemein, frustrierend, und noch viel mehr ist, ist der einzige Weg irgendwie nicht verrückt zu werden, nach vorne zu blicken und jedem Arzt seine ganz eigenen Chance einzuräumen.

Am Ende ist es ist ein bisschen wie Dating. Man hat ganz viele Nieten dabei, aber irgendwann kommt der Richtige. :)

 

Ich möchte Eure Meinungen hören!

Habt ihr ähnliche Erfahrungen mit Ärzten gemacht und würdet ihr von einem Trauma sprechen? Hinterlasst einen Kommentar mit eurer Meinung!

 

2 Kommentare
  1. Harry sagte:

    Das spricht mir aus der Seele. Es ist fernab eines Gesunden, ohne eigenes Erleben, Verständnis für die Not, die allein die Verletzung oder Krankheit mit sich bringt, ganz zu schweigen vom sozialen Aspekt. Danke, dass Du Dich mit Deinen Gefühlen so öffnen kannst. Ich selbst bin nach 5 Operationen zur Stabilisierung der Schädelbasis zwar gesundheitlich stabil, wenn auch fragil, aber ich bin bis in die Tiefen meiner Seele verbittert, beschämt, beleidigt, entsetzt und verstockt und verbittert, habe mich zurückgezogen, die Menschheit emotional verlassen. Ganz gegensätzliche Worte zu den Deinen. Umso mehr belebt mich durch Deine Offenheit ein Funken Trost, dass irgendwann dieses Krankheitsbild zum Repertoire verständiger Ärzte und zu Verständnis und Akzeptanz in der Gesellschaft führt. Wenn Dir mein Kommentar zu finster begegnet, darfst Du ihn entfernen. Für mich war der Weg ein Horrorpfad durch welche der finstersten Abgründe menschlichen Daseins. Danke vielmals.

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    • karinabutterfly sagte:

      Lieber Harry,
      es tut mir sehr Leid dass du emotional so verletzt wurdest und hoffe sehr für dich dass du es irgendwann verarbeiten kannst und wieder glücklich wirst.
      Ich wüsste nicht weshalb ich einen solchen Kommentar löschen sollte. Auch wenn er ein wenig düster ist so zeigt er doch sehr deutlich wie es vielen von uns geht. Ich möchte mit dieser Seite zwar ganz klar etwas positives bewirken aber deswegen kann man die Realität nicht einfach ignorieren.
      Gruss
      Karina

      Antworten

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