Abhängigkeiten als chronisch Kranker

 

 

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Abhängigkeiten als chronisch Kranker

von Karina Sturm

Nie hätte ich gedacht mich jemals im Leben in einer ständigen Abhängigkeit zu befinden. Abhängig von Versicherungen und Rente. Abhängig von Ärzten, Familie und Freunden. Ich war unabhängig, stark und imstande fast alles selbst zu regeln. Ich brauchte niemanden der mir half Aufgaben zu erfüllen, weil ich mich immer selbst antrieb. Vor allem deshalb war die Umstellung auf krank und Rentner sein  für mich so schwierig. Fairerweise muss man dazu sagen, dass es einem als kranker Mensch nicht unbedingt leicht gemacht wird mit der Rente. Selbst wenn die drei Jahre lange Klage endlich vorbei ist und man tatsächlich Recht bekommen hat, ist es nicht vorbei. Alles ist immer kompliziert. Wagt man eine weitere Komponente hinzuzufügen, wie eine Auswanderung, findet man sich plötzlich wieder in einer Warteschlange einer amerikanischen Behörden in der Hoffnung einen Stempel und eine Unterschrift zu erhalten, die bestätigt dass man noch lebt.

Dieses Schreiben, dass mich zwei Tage zuvor – an einem Samstag – erreichte, beschäftigt mich nun bereits den ganzen Tag und so wie es aussieht auch noch die restliche Woche, denn natürlich will keiner dieses Dokument, das meinen Lebensunterhalt sichert, unterschreiben. Von deutscher Seite hieß es, Krankenhäuser wären dazu in der Lage, weshalb ich fragte, ob die lokale Uni, das eines der größten Krankenhäuser in der Region darstellt, ausreiche. Lieber erkundige ich mich einmal mehr, bevor ich den 50-Dollar-Brief via FedEx zurückschicke und die Rente am Ende trotzdem nicht weiter ausgezahlt wird, weil die Unterschrift nicht anerkannt wird. UCSF (University of California, San Francisco) sei kein Krankenhaus war die erste Auskunft. Nicht? Ich solle mich an das lokale Social Security Office wenden. Noch am selben Tag – einem gesundheitlich recht miesen – rufe ich mir einen Uber (günstigeres Taxi in den USA) und mache mich sofort auf den Weg in das nächstgelegene Office. Ähnlich wie beim Arbeitsamt zieht man eine Nummer und dann heißt es warten.

Nach fünf Minuten werde ich zum ersten Mal aufgerufen. Mein Bauchgefühl lässt nichts Gutes erahnen. Die Dame starrt fragend auf das Dokument und teilt mir mit, sie kenne sich damit nicht aus, ich solle weiter warten. Zwei Stunden später, nachdem der obdachlose Mann neben mir eine Diskussion mit den Security Beamten anfängt und nicht einsieht warum er nicht Mundharmonika spielen darf, und ich von Freunden via Facebook Messanger nervlich über Wasser gehalten werde, ruft mich endlich jemand auf. Mit übervoller Blase – ich traute mich nicht auf die Toilette, weil die letzte Dame die dadurch ihren Aufruf verpasste, sich wieder hinten anstellen musste, und ein neues Ticket ziehen durfte – und  mit hochrotem Kopf spurte ich zu Fenster 3, in dem eine blonde Dame mit mir folgendes Gespräch führt:

„Ich brauche eigentlich nur eine Unterschrift, die bestätigt, dass ich noch lebe“, sage ich und erkläre kurz, dass ich aus Deutschland bin, dort Rente bekomme und man wissen wolle, ob ich noch leben würde. Ich wühle in meiner Tasche und krame fünf Ausweise (inklusive Reisepass) hervor.

Die nette Dame erwidert: „Wir dürfen sowas nicht machen, ich spreche aber kurz mit meinem Supervisor.“

Mir wird schon wieder ganz anders.

Ich reagiere, bereits mit Tränen in den Augen: „Ich bin auf dieses Geld angewiesen. Ohne eine Unterschrift wird mir die Rente nicht weiter bezahlt.“

Sie läuft in den Nebenraum und kommt mit einem Gesicht zurück, dass mir schon alles verrät: “Nein, sorry, das geht nicht.“

Und da passiert es. Zum ersten Mal laufen mir unkontrolliert Tränen über mein sowieso schon tomatenrotes Gesicht. Sowas ist mir noch nie passiert. Nein, ich heule nicht in der Öffentlichkeit, geschweige denn bei wichtigen Behörden. Aber heute, an diesem speziellen Tag, ist mir einfach alles zu viel. Ich fühle mich seit einer Weile nicht besonders gut, gesundheitlich geht es bergab. Die Halswirbelsäule, die Blase, der untere Rücken – alles doof. Operation? Fehlanzeige. Und zugegeben, mein Nervenkostüm ist derzeit etwas dünn. Und jetzt gerade läuft das Fass über. Ich wische mir übers Gesicht, aber die Tränen hören nicht auf. „Atmen“, denke ich, „tief atmen“. Ein und aus. Doch selbst das hilft nicht wirklich. Ich frage die jetzt sehr besorgt aussehende Dame an wen ich mich denn für diese eine Unterschrift wenden könne. Sie teilt mir mit, sie wüsste das auch nicht und verstünde nicht, weshalb mich die Behörden aus Deutschland zu ihr schickten. Sie hätten sowas noch nie ausgefüllt.

Und da frage ich mich auch: Warum zahle ich 20 Dollar und verbringe einen halben Tag bei einer Stelle die solche Formulare nie zuvor gesehen hat? Ich verlasse das Office und nehme mir einen Wagen nach Hause. Kopfschmerzen, Krämpfe und Übelkeit sind die Reaktion meines Körpers auf den physischen und psychischen Stress.

Und diese Situationen hören vermutlich mein Leben lang nicht auf. Ich mag es nicht zu wissen, dass ich unter der ständigen Kontrolle verschiedener Menschen bin, und dass es praktisch egal ist was ich tue und wie viel Mühe ich mir gebe – es wird immer damit gedroht den Geldhahn abzudrehen, was sich kein chronisch Kranker leisten kann. Also kuscht man eben, koste es was es wolle. Selbst wenn man gesundheitlich nicht wirklich aus dem Haus könnte, quält man sich durch den Tag, nur um die Pflichten zu erfüllen, die man als Rentner eben hat. Gegenleistungen? Außer finanzieller Unterstützung, keine. Wohingegen die Konsequenzen für ein mögliches Scheitern riesig wären. Ein sehr unausgeglichenes Machtverhältnis, mit dem ich nicht gut umgehen kann. Vor allem nicht dann, wenn es praktisch keine Hilfestellung gibt. Niemand macht sich die Mühen mir unsinnige Geldausgaben und Fahrereien zu sparen, indem man mir z. B. vorab sagt an wen ich mich sicher wenden kann. Manchmal fühlt es sich an, als wäre man als Kranker noch zu Dank verpflichtet, dass sich irgendwer herablässt mich zu unterstützen. Eine Unterstützung, die ich selbst nie hätte haben wollen, jetzt aber nicht vermeiden kann. In keinem anderen Bereich würde ein solches Abhängigkeitsverhältnis geduldet werden, bzw. das Ausnutzen dieses streng unterbunden. Warum also nicht auch im gesundheitlichen und sozialen Bereich?

Interessant wie man sich ganz schnell in einer Welt wiederfindet, in der der Alltag aus Arztterminen, Behördengängen und Ausruhen besteht. Und dann muss ich mich vor Ärzten rechtfertigen, weshalb ich kein Sozialleben habe? Sorry, aber für Spaß habe ich als Patient keine Zeit mehr im Terminkalender.

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