Text: Kurzgeschichte "Zehn Uhr vierunddreißig"; Thema: Reise

Bitte beachten: Kein Happy End; traurig und ein wenig düster…

 

 

Zum Lesen:

Zehn Uhr vierunddreißig 

Sie bricht über ihr herein. Das kühle Nass umspielt ihren Körper und reißt sie in die Tiefe. Eine Marionette scheint sie zu sein und der Ozean der Spieler. Sie kann sich nicht wehren. Er zieht an einem Faden – ihr Körper dreht sich, sie steht Überkopf. Die Kraft des Ozeans ist stärker und schleudert sie vor und wieder zurück. Kurz schafft sie es an die Oberfläche, nimmt einen tiefen Atemzug, bevor sie wieder im Dunkel des Pazifiks verschwindet. Es wird kalt. Ihre Kleidung ist durchnässt, ihr Körper unterkühlt. Langsam bahnt sich das Wasser seinen Weg in ihre Lungen. Die Luft wird knapp. Das Gewicht lastet schwer auf ihr und versucht sie zu erdrücken. Die Wucht des Pazifiks droht sie unter sich zu begraben. Immer wieder, wenn sie es mit letzter Kraft an die Oberfläche schafft, wird sie hinab ins unendliche Nichts gesogen. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Würde sie überleben? Wie war sie nur in diese Situation gekommen?

Mit der Dämmerung machte sich Carla auf den Weg zur Hanauma Bay um ihren ersten hawaiianischen Sonnenaufgang zu erleben. Verschlafen und im Jetlag-Modus besuchte sie einen nahegelegenen Coffee-Shop, um sich für den Tag mit Koffein zu dopen. Komisch, der Laden war geschlossen, obwohl auf dem Schild, das vor dem Coffee-Shop hing, in großen schwarzen Lettern stand: Open 5 am to 4 pm. Darunter ein Smiley und ein Aloha. Die Frau mit der Orchidee im Haar, die in Carla’s Hotel an der Anmeldung saß, erklärte ihr, dass die Uhren auf Hawaii anders tickten. Das alles sei Teil des Aloha-Spirits, den die Menschen auf der Insel lebten und den Carla zu verstehen versuchte.

Die „Magic Hour“ machte ihrem Ruf alle Ehre und die pilzförmige Bucht war genau das, was sich Carla unter dem Begriff Schönheit vorgestellt hatte. Von der Aussichtsplattform oberhalb der Bucht, konnte sie die Korallenriffe durch das türkis-blaue Wasser schimmern sehen, die Wellen schwappten zahm an das Ufer und kaum eine Menschenseele war am Strand zu erkennen. Mit der aufgehenden Sonne im Rücken, stieg sie die wenigen Meter hinunter in die Bucht. Bewusst setzte sie einen Fuß vor den anderen und genoss die einzelnen Schritte. Mit jedem Atemzug nahm sie ein kleines bisschen Aloha in sich auf. Die unbekannte Macht, von der sie gelesen hatte. Ein Wort, das für eine ganze Kultur, einen Lebensstil stand. Doch was war dieses Aloha? Ihre bisherigen Erfahrungen legten nahe, dass die Einwohner der Insel deutlich bewusster lebten. Ihnen schien es um Lebensqualität zu gehen, ganz im Gegensatz zu ihrem deutschen Alltag, in dem Leistung, Geld, Ruhm und Macht an oberster Stelle standen. Die Menschen hier sahen friedlich aus, zufrieden mit sich und der Welt. „Konnte aber auch an dem immer warmen Wetter und der Sonne liegen“, dachte Carla. Das Einzige, das sie sicher wusste war, dass sie sich nach diesem Leben sehnte. Sie sehnte sich nach Glück, nach Frieden und Zufriedenheit. Und genau diese strahlten die Menschen der Insel aus.

Wie würde Carla ihren Seelenfrieden finden? Ob sie es schaffen würde, ein klein wenig wie die hawaiianischen Ureinwohner zu werden und all das, was sie die letzten Jahre gelernt hatte, abzulegen? Kreisende Gedanken im Kopf machte Carla sich auf den Weg zum Diamond Head, einem Vulkankrater, der lange nicht mehr aktiv war. Ein schmaler Weg schlängelte sich durch das Vulkangestein hinauf, durch alte Militäreinrichtungen, bis zum Aussichtsplateau. Vielleicht würde die Betrachtung von oben Klarheit in Carla’s Leben bringen. Die dunklen Tunnel, die quer durch den Vulkan führten, ließen ihr kalte Schauer über den Rücken laufen und ihr Unterbewusstsein konfrontierte sie mit ihrer Angst vor der Dunkelheit, der Einsamkeit. Schnellen Schrittes spurtete sie zum Ausgang und dem Licht entgegen. Erst als sie, geblendet von der plötzlichen Helligkeit, die Augen zukneifen musste, wich die Angespanntheit wieder und ihre verkrampften Kiefermuskeln entspannten sich erneut. Während des letzten Drittels des Weges, war ihr Kopf wie leergefegt, denn ab jetzt ging es steil bergauf über Stufen, die sie in der heißen Nachmittagssonne stark ins Schwitzen brachten. Sie war eindeutig nicht mehr in Form. Prustend und erschöpft erreichte sie endlich die Spitze. Zu ihren Füßen erschloss sich Carla die Schönheit der Insel Oahu’s. Langsam streifte ihr Blick über das in unterschiedlichen Blau- und Grüntönen schimmernde Wasser nach rechts, wo sie, dem Ufer folgend, die Skyline Waikiki’s ausmachen konnte. Dahinter unzählige grün überwucherte Erhebungen, Regenwald und nur wenige Häuser. Eine leichte Brise wehte ihr entgegen. Gerade genug, um Gänsehaut auf ihren verschwitzen Armen auszulösen. Sie schloss die Augen, öffnete den Mund leicht, atmete tief ein und sog die Luft weit in ihre Lungen. Mit dem salzigen Geschmack auf der Zunge erinnerte Carla sich an ihre Kindheit und die vielen Urlaube am Mittelmeer. Wasser übte schon von frühester Zeit an eine magische Anziehung auf sie aus. Die Wellen, wie sie mal rau, mal langsam einrollten; das Geräusch, das entstand, wenn sie gegen einen Felsen schwappten; das friedliche Rauschen, wenn sie ununterbrochen bis an den Strand gelangten. Sie erinnerte sich, dass das Meer sie glücklich machte und ihr eine Art innerer Ruhe gab, wie es nichts anderes auf der Welt konnte. Hier oben, auf der Spitze des Vulkankraters, konnte sie es deutlich spüren – ihr Aloha.

Langsam machte sie sich auf den Rückweg in eine völlig andere Welt – der Insel-Luau. Carla hoffte, mithilfe der traditionellen Barbecue-Feier, die sie aus dem alten Elvis-Film Blue Hawaii kannte, den sie vor ihrer Abreise sicher zwanzig Mal studiert hatte, würde sie das Geheimnis der Inselbevölkerung lüften. Leckeres Essen unter dem Sternenhimmel sollten ihren perfekten Tag krönen. Am Fuß des Diamond Head angekommen, wurde Carla bereits von zwei Männern erwartet, die von Kopf bis Fuß in Tattoos gehüllt waren. Große Flächen der Arme und Beine waren tiefschwarz ausgemalt, wohingegen andere Stellen schmuckvoll mit einfachen Formen, wie Quadraten oder Dreiecken verziert wurden. Einer der beiden überreichte ihr mit breitem Grinsen eine aus bunten Orchideen geknüpfte Blumenkette, eine Orchideen-Lei. Ihre Begrüßer musternd, stellte Carla fest, dass sie sich nie vorstellen hätte können, dass Männer in Baströcken so anmutig und edel wirken würden. Die tätowierten, muskulösen Waden und breiten Schultern der beiden standen nicht, wie vermutet, im Widerspruch zur Stammeskluft, ganz im Gegenteil, sie unterstrichen ihre Verbundenheit zu Tradition und Natur und das Bild wirkte stimmig, anregend und wirklich. Obwohl dieses ganze Fest eine reine Touristenveranstaltung war, glaubte Carla die tiefen Wurzeln der Männer zu deren Kultur erahnen zu können. Trotz der Ähnlichkeiten in der Bemalung, fielen ihr bei genauerer Betrachtung kleine Abweichungen in den Ganzkörperkunstwerken auf. Wofür diese wohl stehen mochten?

Als endlich alle Gäste satt und glückselig an ihren Tischen saßen, begann die eigentliche Feier. Wie gebannt folgte Carla den Tänzern und erschrak jedes Mal wenn tiefes Gebrüll aus deren Kehlen drang. Einige der Bewegungen erinnerten sie an ihre Heimat und den dort bekannten Tanz, den Schuhplattler. „Irgendwie waren am Ende doch alle Menschen miteinander verbunden“, dachte sie. Die Hawaiianer, mit all ihrer Tradition; der Liebe zur Natur, für das Spirituelle, für Musik und Tanz; mit ihrer Kunst, Geschichten nur mit den Händen in die Luft zu zeichnen.

Die Legende, die die Tänzer Carla nun mit dem Hula erzählten, drehte sich um Leidenschaft, Liebe und Rache. Recht menschliche Emotionen, fand sie, obwohl es sich bei der Hauptfigur um die Vulkangöttin Pele handelte. Die aufbrausende und impulsive Feuergöttin verliebte sich unsterblich in den Krieger O’hia, der sein Herz bereits an die hübsche Lehua verloren hatte. Pele gestand dem Krieger ihre Liebe, die er leider nicht erwiderte. Pele wurde rasend vor Eifersucht und verwandelte den armen Mann in einen hässlichen Baum mit grauen Blättern. Er sollte sein restliches Leben in Einsamkeit verbringen müssen. Carla war gebannt. Klar, sie wusste aus Erzählungen, dass es sowas wie Liebe gab, aber wirklich erfahren hatte sie diese noch nicht. Geküsst hatte sie nur einmal, Marvin. Vier Worte fielen ihr dazu ein: feucht, eklig und nie wieder. Das Gefühl Liebe für einen anderen Jungen kannte sie nicht. Doch was sie sofort verstand war, dass sie niemals so sein würde wie Pele und den Mensch den sie liebte aus Rache verfluchen würde. Lehua war dazu verdammt ihren Geliebten nie mehr wiederzusehen. Als die anderen Gottheiten sahen, was Pele angerichtet hatte, versuchten sie ihren Fehler wieder gutzumachen, doch ohne Erfolg. Die einzige Möglichkeit die füreinander Bestimmten endlich zu vereinen war, Lehua zu einer wunderschönen roten Blüte an demselben Baum werden zu lassen. So würden die beiden in Liebe für immer zusammen sein. Carla fragte sich, ob es wirklich eine Liebe gab, die so groß sein konnte, dass man füreinander alles aufgeben würde, nur um zusammen sein zu können? Sie hoffte, auch sie hätte das Glück, ein solches Gefühl zu erleben. O’hia und Lehua hatten ihr Aloha gefunden und Carla sollte das ebenfalls gelingen. Bis heute besagt die Legende, dass es immer dann regnet, wenn jemand eine rote Lehua-Blüte von einem O’hia-Baum pflückt. Denn der Himmel weint um das getrennte Liebespaar. Carla wischte sich eine Träne von der Wange. Das war die romantischste und gleichermaßen traurigste Geschichte die sie jemals gehört hatte.

Mittlerweile war die Sonne am Untergehen und der kurze Weg zum Wasser nur durch Fackeln beleuchtet. Barfuß schlich Carla durch den feinen weißen Sand, der zwischen ihren Zehen kitzelte und ihr ein kleines Glucksen entlockte. Sie liebte es die warmen Körner unter ihren Füßen zu spüren. Es war Vollmond, doch lange war er nicht mehr zu sehen. Der Himmel zog langsam zu und die leichte Brise wurde zu starkem Wind. Nur ein paar letzte Minuten wollte sie am Strand verbringen. Sie setzte sich in den warmen Sand und blickte hinaus aufs Meer. Der Mond spiegelte sich in den zunehmend größer werdenden Wellen. Carla wurde ganz ruhig. In der Einsamkeit dieses Moments, erkannte sie in ihrem Augenwinkel einen seltsamen Schatten. Sie zuckte zusammen. Das Wesen näherte sich in langsamen Zügen und da entdeckte Carla sie – eine grüne Meeresschildkröte auf dem Weg ins schützende Blau. Carla erstarrte. Noch nie hatte sie eine Schildkröte in freier Wildbahn gesehen. Dieses Tier war majestätisch und strahlte eine absolute Tiefenentspanntheit aus. Das färbte auch auf Carla ab, die genauso ruhig wurde.

Mit wenigen Flossenschlägen erreichte der träge Zeitgenosse den Pazifik. Nur noch der grüne Kopf ragte aus dem Wasser. Gleich würde das anmutige Tier im Dunkel des Ozeans verschwinden und Carla wieder alleine sein. Doch auch nach einer Minute stand der kleine Kopf kerzengerade aus dem Wasser und blickte Carla an. Die Schildkröte ließ sich vom Ozean hin und her wiegen und machte keine Anstalten zu verschwinden. Auf was wartete sie denn?

Carla’s Blick wanderte umher und blieb an einem Objekt 30 Meter von ihr entfernt hängen. Aus der Ferne konnte sie nicht genau erkennen was dort im  Sand lag, weshalb sie beschloss ihrer Neugierde nachzugeben und sich aus dem schützenden Lichtkegel der Fackeln in die Dunkelheit zu wagen. Etwas mulmig zumute redete sie sich ein, als die Angst sie zu übermannen versuchte, dass die Schildkröte wollte, dass sie dies tat. Das musste Schicksal sein. Überrascht stellte sie fest, dass sich der Schatten, den sie aus der Ferne wahrnahm, zu einem länglichen, flachen Gegenstand, mit drei Spitzen am unteren Ende, formte. Es war ein Paddleboard. Diese größeren Surfbretter gab es überall auf der Insel und es würde sich wohl kaum jemand daran stören, würde sie dieses eine kurz entführen, rechtfertigte Carla ihr Ausborgen. Mit dem umförmigen Brett unter der Achsel marschierte sie zurück ins Licht, nur um festzustellen, die Schildkröte war nirgends zu sehen. Enttäuscht ließ sie sich in den Sand plumpsen. „Von wegen Schicksal!“, grummelte Carla vor sich hin. Doch plötzlich tauchte der kleine grüne Stiel mit den Augen wieder auf und Carla’s Gesicht strahlte vor Freude. Die Schildkröte hatte auf sie gewartet.

Ohne einen Augenblick zu zögern watete Carla durch das knöcheltiefe Wasser in Richtung des endlosen Blau’s. Ihr Begleiter, die Schildkröte, bewegte sich nach wie vor nicht von der Stelle. Carla stieg auf das Brett und paddelte ein paar Meter hinaus. Es war dunkel, doch die Fackeln würden ihr den Rückweg deuten. Die Schildkröte tauchte ab und einige Meter weiter vorne wieder auf. Carla erkannte nur noch schemenhaft den Weg den das Tier nahm, aber folgte ihm zielstrebig. Ohne zurückzusehen stach sie immer wieder und schneller ihr Paddel in die Fluten. Wo war sie geblieben? Die Schildkröte war nirgends zu erkennen und Carla realisierte, dass auch sie verloren war. Das Ufer war nicht mehr zu sehen und ohne das rettende Licht wusste sie nicht wie sie zurückgelangen sollte.

Was war das? Ein Regentropfen traf Carla auf der Handfläche. Noch einer. In nur wenigen Minuten entleerten sich sämtliche Wolken über ihr und die Wellen wuchsen, von einem friedlichen kleinen See, zu reißerischem Wildwasser, heran. Was vorher ein meditatives Schaukeln war, ließ nun Carla’s Blut gefrieren. Sie klammerte sich mit Händen und Beinen an das Brett. Doch keine Chance. Die Welle traf sie von der Seite zu heftig und riss Carla mit sich.

Ein lautes Geräusch erschüttert den Raum. Fiep! Die drei bleichen Gestalten erheben sich hektisch von ihren Stühlen, rennen aus dem Raum und rufen um Hilfe: „Ein Arzt! Schnell, ein Arzt!“ Und wieder durchdringt der stechende Ton die Stille der sterilen Umgebung. Die Abstände werden kürzer. Ein rotes Warnlicht leuchtet vor dem Zimmer auf. Die Geräte, die kurz zuvor rhythmisch im Sekundentakt einen wellenförmigen Ausschlag zeigten, malen nun eine gerade Linie. Die bergförmigen Gebilde, die für den Herzschlag Carla’s standen, waren erloschen. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Carla’s Familie steht regungslos starrend da. Das hübsche Mädchen, mit den lockigen, schwarzen Haaren und der blassen Haut, wirkt wie Schneewittchen in ihrem Glassarg. Ihre Mutter realisiert auch nach zehn Monaten, die Carla bereits im Koma liegt, nicht, dass sie womöglich nie wieder aufwachen wird. Wie konnte es nur so weit kommen? Tränen laufen über Mutter’s Gesicht und ohne jeden Laut bricht sie zusammen. Ihr Kind war doch gerade erst 14 geworden. Sie durfte sie nicht verlieren. Dieser schreckliche Unfall konnte nicht das Ende ihrer Tochter bedeuten.

Die kalten Fliesen im Nacken spürend, nimmt sie das Geschehen wie durch Nebel wahr. Sie erinnert sich an die Zeit als Carla, gerade ein Teenager, ihre Koffer packte und sagte: „Ich habe einen Flug gebucht und mache Urlaub auf Hawaii.“ Sie lachte und nahm ihre Tochter nicht ernst, bis sie die 1500 Euro der Flugbuchung in ihrer Kreditkartenabrechnung wiederfand. Erstaunt über die Beharrlichkeit und verärgert über die Kosten, fragte sie ihre Tochter: „Was ist denn plötzlich los mit dir? Wie kommst du auf einmal auf Hawaii? Letzte Woche wolltest du noch unbedingt nach Finnland, deine Metalheads treffen oder wie die auch immer heißen mögen.“ Carla erwiderte: „Mama, noch nie war mir eines so klar, ich gehöre dorthin. Ich kann dir nicht erklären warum, aber ich fühle es.“ Diese Worte aus dem Mund einer Pubertierenden kamen ihr vor wie eine Laune, doch in diesem Moment, auf dem kalten Flur des Krankenzimmers, bereute sie ihre Tochter nicht ernst genommen zu haben. Sie fragte sich, warum sie nicht zusammen Carla’s innigsten Wunsch erfüllt hatten und die Reise angetreten waren. Und vor allem dämmerte ihr, dass das Leben zu kurz war, um Dinge aufzuschieben, Reisen platzen zu lassen und nach hinten zu verschieben. Denn manchmal bekam man keine zweite Chance. Nur wenige Minuten nachdem Carla die Diskussion um ihren Hawaiiurlaub, mit einer hinter sich ins Schloss fallenden und laut scheppernden Haustüre, beendete, bekam ihre Mutter den Anruf der ihre Welt zusammenbrechen ließ. Carla war von einem Auto erfasst worden und schwer verletzt. 

Nein, die Zeit konnte Carla’s Mutter nicht zurückdrehen und vor wenigen Sekunden hatte das Herz ihrer Tochter aufgehört zu schlagen. 

Ein Arzt um den anderen, gefolgt von Krankenschwestern und riesigen Apparaturen bäumen sich um Carla’s Bett auf. Ihr lebloser Körper zuckt unter dem Stromschlag des Defibrillators. Nach jedem Versuch setzt auch Carla’s Mutter’s Herz für einen Moment aus. Hoffnung und innerliches Zerbrechen wechseln sich ab. Wie viel Zeit bereits vergangen ist, kann niemand sagen. 

Die Ärzte treten zurück.

Mit letzter Kraft schafft Carla es an die Wasseroberfläche, bevor sie von einer sieben Meter hohen Welle erneut in die Tiefen gerissen wird. Regen prasselt auf das raue Wasser nieder, Sturmböen kreieren riesige Schaumkronen und der Himmel ist rabenschwarz. In nur wenigen Minuten zog eine Wolkenwand auf und versteckte jegliches Licht hinter sich. Der Sog des Ozeans ist stark genug um Carla wie einen Faden im Wind tänzeln zu lassen. Sie verliert die Orientierung. Um sie herum wird es immer dunkler. Ihre Muskeln verkrampfen, die Lungen stechen und ihre Augen brennen. Ihr Körper schleudert unkontrollierbar umher. Da, wieder ein Tritt in den Magen und dort, ein Hieb in die Nierengegend. Als würde sie geschlagen, fühlen sich die Wellen für sie an.

Carla strampelt, doch es ist zu finster um zu wissen in welche Richtung sie schwimmen muss. Sie hält einen Moment inne um sich umzusehen. Dann schließt sie die Augen, in der Hoffnung einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hört die Stimme ihrer Mutter, die um sie zu weinen scheint: „Nein! Nicht mein kleines Mädchen“, flüstert sie in ihr Ohr, „du schaffst das! Kämpfe!“

Nein. Ausgeschlossen, dass sie hier jemals herauskommen würde. Und selbst wenn sie die Oberfläche erreichen könnte, wäre sie doch alleine auf weiter See. Das ist das Ende. Sie weiß es, der Ozean weiß es. Und sie lässt los. Gibt auf. Lässt sich von den Wellen hinabziehen bis das letzte Licht erlischt und alles still wird. Friedlich. Keine Wellen die brechen, keine verzweifelten Schreie ihrer Mutter, keine Schmerzen, kein Kampf mehr. Nur Ruhe und Frieden. Sie realisiert, dass sie nicht aufgibt, sondern nur loslässt, was sie ohnehin nie mehr haben konnte. Ihr Leben.

Der Ozean war ihre Erlösung, ihr Frieden, ihr Glück – sie hatte es gefunden, ihr Aloha.

Um 10.34 Uhr schalten die Ärzte ihre Geräte ab und Carla tritt ihre letzte große Reise an.

Aloha Oe (Bis wir uns wiedersehen)

 

2 Kommentare
  1. Manuela Schneider sagte:

    Wenn jemand Jahre mit Kampf und Schmerzen verbringt, zwischen Hoffnung und Müdigkeit ist die Option des los lassens und des Friedens sehr willkommen. Also nicht düster aber einfach nur realistisch für jemanden im selben Boot. Genial geschrieben.

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    • karinabutterfly sagte:

      Huhu meine Liebe,
      die Geschichte war eigentlich gar nicht so wirklich auf chronische Krankheit zugeschnitten. Das war mehr mein erster Versuch von Fiction Writing. :) Hat nicht so wirklich gut funktioniert und ich fand es ist zu düster geworden.
      Gruß

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