von Christine Isselhardt

 

nun begebe ich mich einmal mehr in Ihre Hände; also jetzt nicht in Ihre, ich meine das im übertragenen Sinne, denn Sie sind ja nicht die Ersten, die ein Urteil über mich fällen müssen.

Nun also hat Sie das Los getroffen.

Ihnen obliegt es, wie es weiter geht mit mir.

Es ist ja nicht so, dass es sich in meinem Falle um eine leichte Magenverstimmung oder einen altersbedingten Verschleiß handeln würde, andererseits muss man natürlich auch sehen, dass ich nach den Maßstäben um 1950 jetzt natürlich schon ein recht altes Mütterlein wäre. Aber wir haben ja auch gelernt, dass das neue 50 heutzutage als das neue 40 gilt.

Und wenn wir das so sehen, dann fühle ich mich ziemlich alt.

Sei es drum, es waren, wie gesagt, schon andere vor Ihnen da, die auf mich drauf und in mich rein geschaut haben und jeder kam dann zu einem anderen Ergebnis.

Mag sein, dass das an meiner jeweiligen Tagesform liegt und ich mich daher immer anders präsentieren kann.

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Mag sein, dass es damit zu tun hat, dass mein persönlicher Krankheitsverlauf in Schüben kommt. Und manchmal habe ich richtig Dusel und es passiert drei ganze Wochen nichts.

Mag sein, dass ich vor dem letzten Gutachten tagelang schmerzbedingten Schlafentzug hatte, deshalb aussah wie ein Zombie und auch vegetativ so einiges zu bieten hatte.

Sowas zahlt sich für mich dann aus.

Mag sein, dass ich beim ersten Gutachten ausgeschlafen war, einige Tage unter erträglichen Schmerzen litt, gut geschminkt war und vielleicht auch meine schönen neuen Schuhe trug, da hielt man mich dann natürlich für einen Simulanten. Sowas kann natürlich auch passieren.

Mag sein, dass das alles Dinge sind, die da in Ihre Diagnose bzw. in Ihr Gutachten einspielen.

Nun ist es doch aber so, dass die Ärzte, die ich im letzten knapp halben Jahrhundert konsultiert habe, ihr Handwerk auch gelernt haben, zumindest sollte man das vermuten.

Und die haben ja auch schon ganz schlaue Dinge über mich gesagt, obwohl ich freilich zugeben muss, dass da auch ein paar dabei waren, deren Diagnosen dann doch erschütternd grenzwertig ausfielen.

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Nun hat man mich getestet, mehrfach, an Universitäten, seit Jahrzehnten – und immer kam das Gleiche Ergebnis dabei heraus.

Das ist doch durchaus erfreulich, nicht wahr, heißt es doch für mich, dass wir so langsam aufhören könnten nach einer Krankheit zu suchen.

Oder fühlen auch Sie sich genötigt, dem Kind einen anderen Namen zu geben, weil Sie es nicht kennen?

Es macht mürbe, wissen Sie, auf Gedeih und Verderb, Fachleuten ausgeliefert zu sein, die zum Teil ahnungslos, überfordert, genervt oder lustlos sind.

Da kommen dann Sachen dabei heraus, die mir Schaden, im besten Falle jedoch nichts bringen.

Und mir wieder einen Tag kostbare Lebenszeit stehlen.

Okay, Sie also sind anders. Sie haben davon schon gehört.

Aha, Sie hatten bereits einen solchen Patienten wie mich.

Ja, ja, es ist schon übel und unangenehm was ich da habe, aber nein, nein, ich muss Sie enttäuschen, das mit dem Herzen habe ich nicht. Das ist schon ausgeschlossen worden.

Doch, doch, die Krankheit habe ich schon, aber das wirkt sich ja bei jedem anders aus. Und das eine was der andere hat muss ich nicht auch haben.

Ich habe ja auch so schon genug, finden Sie nicht auch?

Nein, verärgern wollte ich Sie jetzt wirklich nicht, aber ich finde wir sollten schon bei der Wahrheit bleiben und nur die Dinge, unter denen ich leide aufnotieren.

Sicherlich würde es sich gut machen, in Ihrem Bericht auch davon zu lesen, aber nein, ich habe es nicht.

Und wieder nein, ich habe auch kein psychisches Problem. Wirklich nicht. Ich habe immer schon so gelebt und kenne nichts anderes. Ich bin da sozusagen rein gewachsen. Deshalb komme ich vermutlich damit klar. Auch wenn ich oftmals verärgert bin und auch schon mit meinem Schicksal gehadert habe. Aber das tun andere Menschen doch auch, nicht wahr.

Nun sind Sie böse mit mir, ich merke das schon.

Und wiederum nein, ich habe Medizin nicht studiert, aber ich musste mich seit frühester Kindheit mit meinem Körper auseinander setzen, da blieb es dann nicht aus, dass man das eine oder andere kennenlernte und behalten hat.

Nein, nein, ich kann auch nicht mit noch mehr Arztberichten aufwarten.

Nun ist es ja so, wenn ihnen die Hüfte, seit sagen wir mal zehn Jahren, immer wieder wegrutscht, am liebsten in der Nacht, beim alleinigen Schlaf; hm, ich denke in der Tiefschlafphase, kurz bevor ich ganz dringend Pipi muss; dann gehe ich deshalb nicht mehr zum Arzt, dann lasse ich sie behutsam zurückgleiten, mache ein paar Übungen, verschnaufe und werfe vielleicht noch ein Schmerzmittelchen.

Und nein, auch am folgenden Tag konsultiere ich keinen Arzt. Auch nicht um es zu dokumentieren.

Denn stellen Sie sich vor, ich säße dann drei Stunden im Wartezimmer. Wenn ich dran bin, sagt der Arzt „Aha“. Und dann kann ich wieder gehen.

Diese Zeit kann ich nuten und meinen Körper im Studio und bei meinem Therapeuten trainieren, damit diese, im wahrsten Sinne des Wortes, Ausrutscher nicht mehr so häufig vorkommen.

Tatsächlich hat es sich gebessert, aber schauen Sie, ein Mensch wie ich, wird zurückgeworfen, durch eine Grippe vielleicht für zwei Wochen außer Gefecht gesetzt und da fangen wir bei „Null“ an mit dem Training. Das ist ja das fatale.

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Christine richtet sich in einem Brief an ihren Gutachter

Das glauben Sie mir nicht. Aber das kann man tatsächlich nachlesen.

Das brauchen Sie nicht? Dann glauben Sie mir also.

Das wissen Sie nicht.

Hm, was soll ich sagen?

Dann werde ich mich also neuerlich auf eine Überraschung einstellen.

 

Mit den vorzüglichsten Grüßen

 

Ein Zebra

 

Mehr über Christine findet ihr in einem Interview im Podcast.

 

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