von Christine Isselhardt  

 

Da wo ich her komme, ist Wald.

Ringsherum.

In das Dorf führt nur eine Straße hinein. Sozusagen eine Sackgasse.

Das klingt jetzt sicher verboten.

Aber dort hatte ich die schönste Kindheit, die man sich vorstellen kann.

 

Wir waren das fünftletzte Haus vor dem Wald.

Gegenüber waren es auch fünf Häuser.

Und jede Menge Kinder.

 

1967 saßen auf der Straße, die damals glaube ich noch nicht asphaltiert war, die Mütter, Großmütter und Urgroßmütter mit den Babys und vier Jahre später hatten wir alle noch Geschwisterchen dazu bekommen. Zwei Hände voller Kinder und jedes war anders.

 

Günther war mein allerbester Freund. Der Prinz auf dem weißen Pferd. Mein Schutzengel und Retter. Er war außergewöhnlich lieb und aufmerksam und hat mich vor allem Unbill beschützt, soweit es in seiner Macht stand. Er war anders als die anderen, verantwortungsvoller und wahrhaftiger.

 

Im nächsten Haus wohnte Marie. Viel, viel älter als ich. Sie war nicht oft zu Hause. Vermutlich war sie in der Schule oder schon in Ausbildung. Aber wenn sie da war, dann ging die Sonne auf. Sie hat Blumen mit mir gepflückt und sich mit mir unterhalten. Sie war anders als die anderen, sie sprach deutlicher und nicht unseren Dialekt.

 

Michael war der Enkel von schräg gegenüber. Er war auch immer da. Ich weiß nicht ob ich ihn sehr mochte – ich glaube mein Bruder hatte einen besseren Draht zu ihm. Er hat alles mitgemacht und was er nicht konnte hat sein Vater getan. Der hat uns Hütten in den Wald gebaut und das Grillfeuer für unsere Stockwürste entfacht. Michael war anders als die anderen, er war ruhiger und hat immer gut auf seine Schwester aufgepasst.

 

Sonja seine kleine Schwester war auch immer mit von der Partie. Ich habe sie als zähen Knochen in Erinnerung. Die Jüngste von uns und still. Aber immer dabei. Egal was wir ausheckten, immer war sie mit von der Partie. Auch sie war anders, sie war auffällig unauffällig. Das muss man erst mal drauf haben.

 

Dann kam Viola. Sie war total nett. Aber sie hatte einen schweren Stand. Sie war so alt wie wir, aber nicht in der Straße geboren. Die Eltern sind zugezogen als sie schon vier oder fünf Jahre alt war. Die Zeit konnte man nicht einfach so überbrücken. Jedenfalls war sie als einziges Kind von ihrer Mutter gut behütet, durfte nicht alles mitmachen und musste sich immer wieder zu Hause melden. Aber sie war wirklich nett.

Und doch ganz anders als die anderen. Sie ging freiwillig zu ihrer Mama um zu sagen, dass alles okay ist.

 

Christine Isselhardt war auch als Kind schon anders als die anderen

Christine Isselhardt war auch als Kind schon anders als die anderen

Im nächsten Haus waren Bertie und Roman. Meine Mutter sagte immer, dass man sich nicht wundern müsse, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sie wären ganz der Vater. Hab ich nicht kapiert. Erst als ich erwachsen war. Ganz der Papa, alle beide. Anders als wir. Ruhig, besonnen und fleißig.

 

Und dann kam der Otto. Otto war viel älter als wir. So alt wie Oma und Opa. Oder älter. Vielleicht auch jünger. Otto hat den Krieg mitgemacht. Er hat uns immer zum Lachen gebracht. Mit seinem Stuhl mit den Rädern dran und dem Aufbau vorne wo man Beine reinlegen konnte. Da durften wir Kinder drauf sitzen, wenn wir mit Schwung den Hang runter fuhren. Otto war anders als wir. Er hatte keine Beine mehr.

 

Im nächsten Haus war Patrizia daheim. Die war auch schon etwas älter. Und sie hat Friseurin gelernt. Sie hat uns die Haare geschnitten. Wie man damals eben so die Haare schnitt. Sie war anders als die anderen, sie hat nie mit uns gespielt.

 

Dann kommt noch Melanie, in deren Haus heute Günther wohnt. Melanie war eine ganze Zeit meine beste Freundin. Bei ihr ging es immer lustig zu. Mit den vielen Geschwistern und den unglaublich liberalen Eltern. Außerdem hatten sie einen echten Bunker neben dem Haus. Melanie war anders, sie musste niemals alleine eine Entscheidung treffen. Sie hatte immer einen unglaublichen Rückhalt aus ihrer Familie heraus. Das machte sie stark, obwohl sie eigentlich ganz weich war.

 

Und dann gab es noch Juri. Genau wie sein Name schon sagt, tiefgründig, einfühlsam, witzig, forsch, wild und willensstark. Aber auch er war anders. Er hatte einen ziemlich runden Kopf und auch der Rest von ihm war ziemlich rund. Er konnte nicht so gut sprechen und manchmal spuckte er dabei auch ein bisschen. Wir mussten oft Rücksicht nehmen auf ihn, darum hatte seine Mutter gebeten. Aber wir haben nie verstanden warum. Wo er doch am wildesten auf seinem Dreirad, während wir Zweirad fuhren, durch die Gegend flog. Wir haben ihn beneidet.

 

Und dann war noch ich da.

Zart, bleich, zerbrechlich und ängstlich.

Zäh, herrisch und zielsicher.

Ich musste immer gut auf mich aufpassen. Dass mir meine Haut nicht einreißt, dass ich mich nirgendwo stoße, dass ich nicht falle und mir nichts ausrenke.

Dass mir nichts zustößt.

Ich war eben auch anders – ich lebte mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom.

 

Wollt ihr mehr von Christine hören? Dann hört euch ihr Interview im Podcast an.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.