von Karina Sturm

„Der wievielte Flug das heute wohl ist?“ frage ich mich als ich am San Francisco International Airport Gate 101 sitze. Eigentlich müsste ich es doch gewöhnt sein, so oft wie ich in den letzen vier Jahren quer durch die USA geflogen bin – bin ich aber nicht.

Die Nacht habe ich kaum geschlafen – einmal, wegen der typischen Nervosität davor dass irgendwas schief geht und ich den Flug verpasse; auf der anderen Seite, weil unsere Nachbarn mal wieder um 2 Uhr nachts besonders aktiv sein mussten. Aber machen wir uns nichts vor, ich hätte ohnehin schlecht geschlafen.

Denn neben der Nervosität unter der auch normale Menschen leiden, ist alleine zu fliegen für mich recht beängstigend. Bei all den chronischen Erkrankungen unter denen ich leide, kann selbst die bestausgestattete Reiseapotheke nicht gut genug sein, und ein Zwischenfall über dem Atlantik wäre unschön.

Und obwohl ich gerne mit leichtem Gepäck reisen würde, wird dieser Wunsch wohl nie in Erfüllung gehen. Alleine meine Notfallmedikamente, die regelmäßig aufgestockt werden, nehmen 1/3 meines Rucksacks ein. Dieser ist mir zu schwer, um ihn auf dem Rücken zu Tragen, weshalb ich ihn auf einen Rollkoffer stelle, der weitere Medikamente, Bandagen und andere wichtige Utensilien enthält.

Um mir das Bewegen der Gepäckstücke leichter zu machen, habe ich nach drei Jahren Reiseerfahrung mittlerweile ca. zehn Koffer im Keller stehen, denn keiner davon hat sich am Ende als tauglich herausgestellt. Ein Koffer mit vier Rollen muss es sein, das Handling einfach, die Rollen flink. Mein Mann fragt schon, ob ich mir nicht ein besseres Hobby suchen kann, als Koffer zu sammeln, die seien doch etwas unhandlich. Mittlerweile kann ich guten Gewissens sagen, dass es bei Koffern tatsächlich auf den Preis ankommt.

Bis zum Flughafen begleitet mich glücklicherweise immer jemand. In Deutschland meine Eltern, in den USA in der Regel mein Mann. Danach stellt sich die Frage: Bin ich heute stolz oder nicht? Denn theoretisch kann ich mich mit dem Rollstuhl an mein Gate bringen lassen. Blöde Blicke und manchmal fiese Kommentare haben ihre Spuren hinterlassen. Heute habe ich mich dagegen entschieden und bin gelaufen.

 

Karina am Gate in San Francisco.

Karina am Gate in San Francisco.

 

Auf dem Weg zum Gate sammle ich routiniert Lebensmittel und Getränke ein, denn essen kann ich mein bezahltes Flug-Menü nicht. Es gibt zwar alles von vegetarisch bis Diabetiker-Mahlzeit, aber histaminarm ist nicht dabei. Das Ergebnis der Histamin-Bombe will ich meinen Mitreisenden nicht antun, weshalb ich ganz darauf verzichte und mich in einer ewiglangen Schlange anstelle, um mir meinen Standard-US-Snack zu besorgen: zwei Cream Cheese Bagel. Ich finde, Cream Cheese Bagel sollte es im Automaten geben. Das wäre so viel einfacher. Außerdem decke ich mich mit literweise Wasser und elektrolythaltigen Getränken ein, was mein Gepäck nun endgültig zum explodieren bringt. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich die Dysautonomie-Symptome, die zuverlässig auf jedem meiner Flüge auftauchen, und auch die Übelkeit nur dann unter Kontrolle halten kann, wenn ich ganz viel trinke und kaum esse. Jahrelange Erfahrung zahlt sich aus.

Da ich auf meiner kompletten Reise meist eine Halskrause trage, leuchte ich wie ein Christbaum beim Security-Checkpunkt. Und natürlich darf dann der pauschale Bombentest nicht fehlen. Die Halskrause hat aber auch gute Seiten: Sie ist das einzige sichtbare Hilfsmittel und trägt dazu bei, dass die Menschen um mich herum eher verstehen, warum ich so langsam durch die Gänge schleiche oder meinen Sitznachbarn beim Gespräch nicht in die Augen schauen kann.

Alles wäre viel einfacher, hätte man einen vertrauten Sitznachbarn auf dieser langen Reise. Meine Blase und mein Darm machen was sie wollen – vor allem wenn ich zusätzlich nervös bin – daher plane ich 30 Minuten vor dem Boarding eine Pinkelpause ein. Um diese Zeit sind allerdings meist alle Sitze im Wartebereich belegt und wer aufsteht hat verloren. Gehe ich zur Toilette, stehe ich danach. Heute hingegen habe ich den Mut gefasst, mich einfach mal jemandem Fremden zu öffnen. In den USA machte ich oft die Erfahrung, dass generell gern mit Fremden geplaudert wird – in Deutschland hingegen, fühlt man sich da meist unwohl und fragt sich, ob das Gegenüber einem was verkaufen will oder womöglich einer religiösen Randgruppe angehört, die man dann für eine Stunde nicht mehr los wird. So fragte ich die Frau neben mir, ob es sie stören würde, kurz auf meinen Platz aufzupassen. Ich fasste in zwei Sätzen zusammen, dass ich chronisch krank sei und längeres Stehen schwierig für mich wäre. Die Antwort: „Of course, sweetheart.“ Ich stelle immer wieder fest, wie häufig ich mir selbst Steine in den Weg lege, nur weil ich zu Stolz bin, um um Hilfe zu bitten.

Kurz darauf stand auch schon die zweite „große“ Entscheidung an. Und wieder ging es um meinen Stolz. Sollte ich das Preboarding nutzen, oder mich in die normale Schlange einreihen? Der heutige Altersdurchschnitt bei den Preboardern lag bei ca. 70 Jahren, was dazu führte, dass ich mich nicht fühlte, als ob es mir zustünde mit all den Rollstuhlfahrern einzusteigen. Ich beschloss mich stattdessen ganz vorne in die normale Schlange einzureihen. Zu meiner großen Überraschung kam ein Mitarbeiter auf mich zu, packte mich am Arm und zog mich vorsichtig in Richtung Eingang. Es passiert mir selten, dass jemand ganz von sich beschließt ich sähe fragil genug aus. Sogar im Flugzeug wurde ich sofort gefragt, ob ich denn Hilfe mit meinem Gepäck bräuchte.

Etwas positiver gestimmt, nach dem schweren Abschied von meinem Mann, der mich in diesem Jahr mit einem: „Aber jetzt sehe ich ja ewig niemanden mehr in Erwachsenenwindeln“ zum Lachen brachte, bereitete ich meinen Sitzplatz in der Premium Economy vor. Das ist auch so eine Sache die man gerne unterschätzt: Ja, 10 cm mehr Beinraum machen tatsächlich einen großen Unterschied. Leider auch im Preis… In der normale Economy zu fliegen ist für mich mittlerweile keine Option mehr. Die unbequemen, engen Sitze und die wenige Beinfreiheit brachte mir über die Jahre diverse hässliche Verschlechterungen und sogar ganz neue Symptome ein.

Nun sitze ich hier, auf meinem Sitzkissen, das mir im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch rettet, acht Stunden von Deutschland entfernt, mit hochrotem, heißen Kopf, weil ich wieder irgendwas in der Kabinenluft nicht vertrage und meine Dysautonomie aufflammt, und gucke den anderen Passagieren beim Essen zu. Ein netter Flugbegleiter schaut mich mitleidig an und fragt mich, warum ich nichts esse. Ich bin hundemüde, aber natürlich will ich die Gelegenheit für eine kleine Lektion in Sachen Mastzellen nutzen. Ob er wirklich interessiert ist, oder einfach keine Wahl hat, weil ich nicht aufhöre zu reden, ist mir eigentlich egal.

Plötzlich steht der „Chef-Steward“ vor mir, spricht mich mit „Frau Sturm“ an und fragt, ob alles zu meiner Zufriedenheit verläuft. Hat die Fluggesellschaft sich meine Vorschläge zu Herzen genommen, die ich nach dem letzten schief gelaufenen Flug eingeschickt hatte, frage ich mich. Zu schön um wahr zu sein: Scheinbar habe ich die Ehre heute neben einem Stammkunden zu sitzen, und deshalb wird die unwichtige Sitznachbarin ausnahmsweise besonders behandelt.

Ha! Endlich ist er da, der perfekte Zeitpunkt für eine Toilettenpause! Alle essen, die Gänge sind leer. Was gibt es schöneres, als einen Gangplatz, zwei Reihen von den Toiletten entfernt, und das alles ohne Schlange?! Ach ja, ich glaube ich habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen wissen – über den Wolken, irgendwo über den USA.

 

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