von Karina Sturm

 

Neulich wurde ich gefragt, ob ich meine Gefühle in einen Text mit nur 200 Worten packen könnte. Meine Emotionen darüber, wie es sich anfühlt, jung und chronisch krank zu sein. Ganz irrational und ohne Fakten. Ohne darüber nachzudenken, wie ich mich öffentlich darstelle.

Schwach wirken? Keine Fakten? Kann ich diese Mauer fallen lassen und von irrationalen Ängsten sprechen? Riskieren mich dadurch maximal angreifbar zu machen?

Es ist schwierig, jedem Menschen Zugang zum tiefsten Inneren zu gewähren, wunde Punkte offenzulegen, wenn man bereits verletzt wurde.

Eigentlich mag ich Herausforderungen. Was ich nicht leiden kann, sind Gefühle. Vor allem die, die weh tun. Solche, die ich seit Jahren mit mir herumtrage, nur teilweise verarbeitet habe, weil sie zu schmerzlich sind. Doch vielleicht ist dies genau der richtige Moment. Vielleicht ist es jetzt und hier an der Zeit darüber zu sprechen.

Meist ist es auch nicht das eine Gefühl, das ich empfinde. Häufig sind es viele, widersprüchliche Emotionen auf einmal.

 

Wie fühle ich mich nun als mittlerweile 30 Jahre alte, chronisch kranke Person?

 

Ich bin…

 

…glücklich 

Glücklich darüber…

…endlich eine Diagnose zu haben;

…den Feind zu kennen;

…unendlich viel Unterstützung von den unterschiedlichsten Menschen zu haben;

…Freunde zu erkennen;

…die kleinen Dinge zu schätzen zu wissen;

…noch am Leben zu sein;

…neue Talente zu entdecken;

…Herausforderungen annehmen zu können.

 

…ängstlich

Da ist die Angst…

…vor der Zukunft, vor dem was als Nächstes kommt;

…mehr Menschen zu verlieren;

…zu sterben;

…nicht mehr mit dem Kranksein zurechtzukommen.

 

…befreit

Befreit…

…von der Last, nicht zu wissen, was mich jahrelang gequält hat, mich krank machte;

…davon, jedem beweisen zu müssen, dass ich krank bin.

 

…verzweifelt

Verzweifelt…

…vor einer weiteren Talfahrt zu stehen und nicht zu wissen, wie ich diese überwinde;

…wenn Ärzte mir nicht glauben oder helfen wollen;

…wenn wieder ein neues Problem auftaucht und man die zehn alten noch gar nicht gelöst hat;

…darüber, dass ich nie weiß, ob mein Zustand sich wieder ein wenig verbessert oder ob dieses neue Tief ein permanenter Zustand wird.

 

Karina, an einem sehr glücklichen Tag

Karina, an einem sehr glücklichen Tag

 

…beeindruckt

Beeindruckt…

…von meiner eigenen Stärke;

…davon, wie ich gelernt habe, mich immer irgendwie durchzubeißen, zu überleben, zu kämpfen;

…davon, glücklich sein zu können, mit all meinen Einschränkungen.

 

…enttäuscht

Enttäuscht…

…über meine Schwäche;

…darüber, schon wieder zu weinen;

… über meine mangelnde Leistungsfähigkeit;

…darüber, ständig andere Menschen zu enttäuschen – durch Abwesenheit, durch fernbleiben, durch nicht-da-sein;

…über die schlechte Freundin, die ich manchmal zu sein scheine.

 

…dankbar

Dankbar für…

…die neuen Wege, die sich mir eröffneten;

…die neuen Freundschaften;

…Liebe, Partnerschaft, Familie;

…die Dinge, die ich noch habe und kann;

…die Hilfe, die ich bekam und noch bekomme;

…die Möglichkeiten, die mir trotz Krankheit offen stehen.

 

…traurig

Traurig…

…über die Entscheidung, nie Kinder zu bekommen;

…darüber, keiner geregelten Arbeit nachgehen zu können;

…darüber, ständig neue Lebensinhalte finden zu müssen;

…darüber, wie viele Chancen mein gesundes Ich früher verstreichen ließ ohne es zu wissen;

…darüber, wie wenig ich zu schätzen wusste, was ich alles einfach geschenkt bekam;

…über die Dinge, die ich verlor;

…über die Ignoranz mancher Mitmenschen.

 

…frei

Frei von…

…dem Druck, immer am besten, am schnellsten zu sein;

…davon, voll leistungsfähig sein zu müssen.

 

…wütend

Wütend darüber,…

…warum mir das alles passieren musste;

…dass trotz Diagnose immer wieder Menschen zweifeln, mich als Lügner oder faul betiteln;

…dass einfach nie Schluss ist, die Probleme nie aufhören, immer neue hinzukommen.

 

…inspiriert

Inspiriert…

…über mein Leben zu schreiben;

…von anderen, mein Leben zu meistern und bestärkt diesen Weg weiterzugehen.

 

…neidisch

Neidisch…

…auf Menschen, denen es gut geht ohne dass sie es zu schätzen wissen. Menschen, wie ich früher einer war, die unbekümmert durchs Leben gehen ohne Konsequenzen zu erwarten;

…auf Patienten, die die medizinische Versorgung bekommen, die mir fehlt.

Wütend auf mich selbst, dass ich solch hässliche Gedanken überhaupt habe.

 

…zufrieden

Zufrieden darüber, wie mein Leben heute ist.

 

…unzufrieden

Unzufrieden darüber, wie mein Leben morgen sein mag.

 

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