von Karina Sturm 

Mit dem Titel „Wackelköpfchen“ fasst Simone Theisen-Diether ihr Buch in einem Wort zusammen. Die 40-jährige spricht offen über ihre Erfahrungen mit der unbekannten Erkrankung der Halswirbelsäuleninstabilität. Als würde der Kopf auf einem Stock balanciert – so fühlt sich diese Erkrankung an – wie ein „Wackelköpfchen“ eben.

Drei Jahre dauerte es bis Simones eine Diagnose gestellt wird. 36 Monate, im besten Fall ohne medizinische Unterstützung, im schlimmsten Fall mit Verspottungen. Orthopäden, Neurologen, Physiotherapeuten – Ärzte aller Fachrichtungen – endlose Therapien, und nichts half.

„Haben Sie Stress?“

„Der behandelt nur Privatpatienten.“

Aussagen von Ärzten, die ihr am Ende nur Fehldiagnosen bescherten. Von Migräne bis zur psychischen Erkrankung kann Simone alles vorweisen. Doch nie ist die richtige Diagnose dabei. Aus Verzweiflung findet sie sich sogar bei einer Algenkur wieder, die ihren Körper „entgiften“ soll. Eigentlich widerspricht diese Entscheidung ihrem Naturell, doch in der Verzweiflung greift Simone nach jedem Strohhalm.

Trotz aller Widrigkeiten gibt sie nicht auf. Sie ist sich sicher, sie ist nicht psychisch krank. Dann endlich, 2007, die Diagnose Kopfgelenksinstabilität. Bis zur Ernüchterung dauert es nicht lange. Eine Heilung? Gibt es nicht. Nur eine symptomatische Therapie ist möglich. Der Spezialist empfiehlt ein striktes Konzept. Eine Kombination aus Nahrungsergänzungsmitteln, LOGI-Diät, Physiotherapie und Bewegung. Mit großer Motivation hält sich Simone an die Vorgaben und erzielt eine leichte Verbesserung ihres Zustands.

Im Arbeitsleben funktioniert Simone. Kaum jemand merkt wirklich, wie schlecht es ihr bereits geht. Die vielen Wochenenden voller Schmerzen, die sie zur Erholung braucht, bleiben verborgen. Bis Simone eines Morgens realisiert: So kann es nicht weitergehen. Privat sah keiner ihrer Freunde sie überhaupt noch. Ihre freie Zeit musste sie zur Regeneration nutzen, um der immer größeren Belastung „Arbeit“ überhaupt gewachsen zu sein. Sie stellte fest, dass sie diese Fassade nicht mehr aufrecht erhalten konnte.

Simone beschreibt ihren schweren Kampf mit sich selbst, um die Einsicht Rente zu beantragen und später, mit ihrem Arbeitgeber und den diversen Versicherungen, um die Anerkennung der schweren Erkrankung. Die von Simone eingestreuten Fachbegriffe und medizinischen Texte sind relativ leicht verdaulich und sehr umfangreich. Sie bestätigen die von ihr erwähnten Fakten und machen deutlich, wie weitreichend dieses Krankheitsbild ist.

Ehrlich beschreibt sie das Problem der „Psychiatrisierung“, wie sie es nennt, bei dem Schleudertrauma-Patienten regelmäßig als psychisch krank verurteilt werden, obwohl die Ursache nachweislich die Halswirbelsäule darstellt. Simone erklärt, wie es zu solchen Fehldiagnosen kommt und der Leser bemerkt schnell, dass sie sich bereits einige Zeit mit ihrer Erkrankung auseinandersetzt. Als sie selbst in einem Gutachten mit einer psychischen Genese ihrer Erkrankung konfrontiert wird, antwortet sie frech: „Das ist typisch, immer wenn ein Krankheitsbild nicht verstanden wird, kommt die Psyche ins Spiel.“ Mit solcherart Aussagen regt sie zum Schmunzeln an.

Als Leistungssportlerin im Judo war Simone es gewöhnt durchzuhalten, die Zähne zusammenzubeißen. „Aufgeben ist was für Weicheier“, zitiert sie sich in ihrem Buch selbst. Weshalb die zunehmenden Einschränkungen ihr immer mehr vor Augen führten, wie schwach ihr Körper geworden war. Emotional, aber nicht weinerlich, lässt Simone den Leser an ihren Gedankengängen teilhaben. Und natürlich gibt sie nicht auf.

Neben all den Höhen und Tiefen die ihre Erkrankung mit sich bringt, erlebt Simone auch Glücksmomente, wie die Beziehung zu einem Mann, der sich in sie verliebte als sie bereits krank war und der ihr nun in der gemeinsamen Ehe den Rücken stärkt.

Mit ihrem Buch „Wackelköpfchen“ übt Simone gut durchdachte Kritik am Gesundheitssystem, an Versicherungen, Gutachtern und Ärzten und zeigt Nicht-Betroffenen Missstände in Deutschland auf. Außerdem spendet sie Betroffenen Hoffnung, regt Mediziner zum Nachdenken an und lässt den Leser oft einfach nur staunen.

Bleibt nur zu hoffen, dass Menschen wie Simone ihren schwarzen Gürtel im Geiste weiter nutzen, um für Gerechtigkeit und Anerkennung dieser seltenen Krankheit zu kämpfen.

 

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2 Kommentare
  1. Rabea Schneider sagte:

    Hallo,

    Ich bewundere diesen harten langen Weg und wünschte, ich wüsste, bei welchem Arzt ich die richtige Diagnose bekomme. Aktuell kann ich meinen Kopf nur noch 2 Std am Tag halten und bin dann zu erschöpft von der Snstrengubg, dem Kreislauf, dem Herzschlag und dem Benebeltsein.
    Wo finde ich vielleicht eine Arztempfehlung für einen richtigen Arzt, der mich nicht wegen Stress zu einer Mutter-Kind-Kur schicken möchte (wohlgemerkt ich habe gar keine Kinder).
    Ich würde mich so über Feedback freuen und fahre auch durch ganz Deutschland dafür.

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    • karinabutterfly sagte:

      Hallo liebe Rabea, ich glaube du hattest mir auf Facebook eine Nachricht geschickt? Über meine Seite Instabile Halswirbelsäule? Da hatte ich dir gerade auch schon darauf geantwortet. :)
      Gruß,
      Karina

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