Von Annette Ostertag.

Jahr 1:

“Das kommt nur von der Erkältung”, heißt es, als ich mich zum ersten Mal an einen Arzt wende. Klopfende, fast lähmende Schmerzen im Nacken begleiteten mich schon eine Weile – meistens beim Sport – doch erst wegen eines Schnupfens gehe ich zum Arzt. 

Jahr 2:

“Werden sie gemobbt?”, werde ich gefragt, als ich einen anderen Arzt aufsuche. Ich bin mit zwei älteren Brüder aufgewachsen und von denen habe ich gelernt wie man austeilt und einsteckt. “Nein”, antworte ich. “Ich habe nur wahnsinnige Kopf- und Nackenschmerzen beim Sport.”

Jahr 3:

“Das kommt nur von ihrem harten Job”, erklärt mir der nächste. Als Mechatronikerin mit einer Hobbyfarm war ich harte Arbeit gewöhnt. Eine Erklärung für meine mittlerweile täglichen diffusen Schmerzen im Nacken und Kopfbereich, die nicht mehr nur beim Sport auftraten, sondern bei jeder kleinen Anstrengung, kann mir auch dieser Arzt nicht geben. Und so lebe ich mein Leben eben weiter, gehe wieder zur Schule und hole mein Abitur nach. 

Jahr 4:

“Das kommt nur vom vielen Sitzen”, höre ich im vierten Jahr von einem neuen Arzt. Zu dem Zeitpunkt habe ich so schwere Kopfschmerzen, dass mich meine Mutter von der Schule abholen muss, weil ich nicht mehr selbst in der Lage bin nach Hause zu kommen. Jede Bewegung tut weh, ich habe Sehprobleme und mir ist ständig schlecht. Mit Migränemitteln, die nicht helfen, werde ich nach Hause geschickt. 

Jahr 5:

“Der Prüfungsstress ist schuld”, wird mir gesagt. Trotzdem schlägt der Arzt vor meine verstopfte Nase zu behandeln. Die Nasennebenhöhlen sollen erweitert werden, sodass ich besser Luft bekomme und sich meine Kopfschmerzen verbessern. Mittlerweile wird mir ständig schwindlig, wenn ich zu schnell in die Hocke gehe oder andere ruckartige Bewegungen mache. Die OP hilft für keine meiner Beschwerden.

Jahr 6:

“Sie sollten diese Tabletten nehmen; das entspannt sie”, entscheidet der Mediziner und verschreibt mir Psychopharmaka. Drei Wochen nehme ich diese ein. Die Schmerzen bleiben. An der Hochschule, an der ich eingeschrieben bin, komme ich kaum noch mit dem Lernen hinterher, weil ich mich einfach nicht konzentrieren kann. Ich versuche Yoga und anderen Sport, aber ohne großen Erfolg. 

Dann ist erst einmal Pause. Ich habe genug von Ärzten und gebe die Suche nach Antworten auf. Mittlerweile habe ich keine Hoffnung mehr.

Jahr 8:

Meine Arme sind müde. Sie schlafen die ganze Zeit ein. Das morgendliche Strecken im Bett ist nicht mehr ohne Kopfschmerzen möglich. Ein MRT wird veranlasst. Den Befund verstehe ich nicht. “Sie sind austherapiert”, heißt es. Man könne nichts für mich tun. Er lässt mich gehen.

Die Tür fällt hinter mir zu, kurz bevor sie wieder aufgerissen wird. Ich werde noch mal herein gebeten. Geöffnet ist eine Wikipediaseite. Mir wird erklärt, dass man einen Spezialisten fragen muss. Aber trotzdem glaube man nicht, dass da was sei, denn “diese Erkrankung habe ich noch nie gehört.” Er überweist mich an eine Fachklinik.  

Jahr 9:

Die Bilder sind zu schlecht. Es werden neue veranlasst. Als ich sage, dass es sich für mich anfühlt, als hätte ich einen Überdruck im Kopf, werde ich angemotzt und es heißt, sowas könne man nicht spüren.

Jahr 10:

Die Bilder zeigen eine Chiari-Malformation Typ I. Operiert wird bei 7 mm. Ich habe 12. Die Operation dauert sechs Stunden. Danach ist alles vorbei. 

Die ersten drei Monate nach der OP sind am Schlimmsten. Alles tut weh – selbst Sinneseindrücke. Denken, sprechen, fühlen, schmecken, hören. Treppen steigen ist ein Albtraum. Doch dann ist alles besser. Die Schmerzen werden weniger und ich kann mich endlich wieder konzentrieren. 

Zehn Jahre habe ich verloren wegen sechs Stunden. Aber fünfzig Jahre gewonnen, weil Aufgeben nur kurz eine Option war.

Habt ihr ähnliche Erfahrung gemacht, auf eurem Weg zur Diagnose,

dann sendet mir eure Geschichte.

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.