Andrea Eberl, eine Frau mit kurzen, hell-blonden Haaren sitzt auf einem Friseurstuhl und trägt eine schwarze Sonnenbrille - Seitenaufnahme

Von Andrea Eberl.

Als Frühchen geboren.

1964 kam ich in Wien als 7-Monats-Kind zur Welt und war ein halbes Jahr im Brutkasten. Durch eine Augenkrankheit, die verhältnismäßig viele Frühchen haben, wurde ich blind. Heute trägt diese Erkrankung den Namen Frühgeborenen-Retinopathie.

Ich wuchs auf natürliche Weise in die Blindheit hinein.

Ich war ein aufgewecktes, wissbegieriges Kind und meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, anders zu sein. Erst als ich im Vergleich zu anderen Kindern auf unterschiedliche Weise schreiben und lesen lernte, bemerkte ich, dass ich etwas anders war als meine sehenden Freundinnen. 

Die meiste Zeit verbrachte ich im Bundesblindenerziehungsinstitut.

Praktisch vom Kindergarten bis zum Ende meiner Berufsausbildung ging ich dort zur Schule und aufs Internat. Wir blinde und sehbehinderte Kinder wuchsen hier sehr behütet – oder, wie man das früher gern ausdrückte: gut aufgehoben – auf. Außerdem waren wir von unseren Familien getrennt und sozial nicht alltagstauglich für ein inklusives Leben. 

Im Internat wurden Entscheidungen für uns getroffen. 

Selbst welche zu treffen, lernten wir nicht. Wir hatten uns so zu verhalten, wie man es uns vorschrieb. Wenn man etwas hinterfragte, galt man als aufmüpfig. Erst später habe ich durch meinen stabilen Freundeskreis gelernt, selbstständig zu denken und Entscheidungen für mich zu treffen. Nicht jeder blinde Mensch hat das Glück, im Erwachsenenalter auf Menschen zu treffen, die in der Lage sind zu reflektieren und die einem Reflektion vermitteln können. Ohne diesen tollen Freundeskreis wäre ich höchstwahrscheinlich für mein Umfeld ein sehr langweiliger Mensch geblieben.

Damals gab es kaum Ausbildungswege, die uns offen standen.

Für uns blinde und sehbehinderte Jugendliche gab es zu dieser Zeit nur zwei verschiedene Berufsausbildungen, nämlich die Steno- und Phonotypistenausbildung und die Telefonistenausbildung. Etwas anderes konnten wir nicht werden. Ich absolvierte beide und begann danach als Telefonistin zu arbeiten.

Ich bekam einen gut bezahlten Job in einer Behörde.

Glücklich war ich jedoch nicht, denn die meisten meiner Kolleginnen waren sehende Damen, die nichts mit mir anfangen konnten. Außerdem musste ich konstant dieselben Sätze sagen und dieselben Handgriffe durchführen. Ich war unterfordert. Nach dreieinhalb Jahren kündigte ich, in der Hoffnung, endlich herauszufinden, was das Leben für mich sonst noch bereit hielt.

Nun entschied ICH, was gut für mich sein würde. 

Ich studierte Musik, ging zur Abendschule, reiste und machte oft auch einfach mal nichts. 1997 zog es mich nach Köln, wo ich ein Jahr später abermals als Telefonistin zu arbeiten begann. Sechs Jahre hielt ich es in der Firma aus, bis mir meine damalige Hausärztin riet, aufgrund von immensem psychischen Druck die Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen.

Andrea Eberl, eine Frau mit kurzen, hell-blonden Haaren sitzt auf einem Friseurstuhl und trägt eine schwarze Sonnenbrille
Andrea ist seit ihrer Geburt blind.

Was hat das alles mit der Blindheit zu tun?

Ohne die Blindheit wäre mein beruflicher Werdegang nicht durch meine Schule entschieden worden. Wäre ich nicht blind, hätte ich zum richtigen Zeitpunkt herausfinden können, was mir liegt und welche berufliche Laufbahn ich einschlagen möchte. Ohne die Blindheit und die Erziehung unter der Glaskuppel wäre ich früher selbstständig und lebenstüchtig geworden. Ich habe viel zu viel Zeit damit vertan, mich später auszuprobieren, wo andere junge Menschen schon längst sattelfest waren.

Doch es ist nicht die Blindheit, durch die ich mich eingeschränkt fühle.

Der exklusive Umgang mit Menschen mit Behinderung ist das, was mich aufgehalten hat. Während meiner beruflichen Laufbahn ging es nie darum, wie man auf mich eingehen könnte, sondern lediglich immer nur darum, wie ich mich zu verhalten hätte, um mich der Mehrheit der Kollegen anzupassen. Mir wurde signalisiert, dass ich das Problem sei, nicht, dass auch die Kolleginnen zu einem kommunikativen, wertschätzenden Miteinander beitragen müssten. 

Wir Menschen mit Behinderung müssen immer 200 Prozent geben.

In der Arbeit, im Alltag und überall. Wir müssen uns ständig beweisen, während die, die keine Behinderung haben, das nicht müssen. Dass wir vieles nicht im Tempo der Nichtbehinderten erledigen können, nehmen wir durchaus selbst wahr. Das verursacht extremen Druck. Auch das ist ein blindheitsbedingter Stress.

Zu allem Übel kommt hinzu, dass wir Menschen mit Behinderung immer die Bittsteller sind.

Wenn wir bei Krankenkassen Hilfsmittel beantragen, ohne die wir nicht leben können, werden diese immer erst einmal abgelehnt, in der Hoffnung, dass der behinderte Mensch nicht widerspricht. Um all diesen Behördenwahnsinn stemmen zu können, brauchen wir Blinde einen guten Rechtsanwalt und uns zugewandte, geduldige, sehende Angehörige, Freunde oder Assistenten, ohne die wir diesem behinderungsbedingten Irrsinn gar nicht standhalten könnten. Ganz zu schweigen von der psychischen Belastung, die so eine Behördenabhängigkeit mit sich bringt.

Und dann hat mir die Blindheit noch zusätzliche Krankheiten beschert.

Ich lebe mit einer sogenannten circadianen Schlaf-Wach-Rhythmusstörung. Viele blinde Menschen, die keine Lichtwahrnehmung haben, sind davon betroffen. Diese Störung bedeutet, dass unsere innere Uhr und die tatsächliche Tageszeit nicht im Einklang sind, was dazu führt, dass man sich ständig wie im Jetlag fühlt. Seit 2018 kann ich die Erkrankung mit Hilfe eines Medikaments gut kontrollieren, aber über Jahrzehnte bestimmte sie meinen Rhythmus.

Was für ein Mensch wäre ich ohne meine Blindheit?

Vor Kurzem ertappte ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob ich wohl die selben Eigenschaften hätte, die ich nur durch meine Behinderung erlernt habe. Ich fragte mich, worum ich mich nicht mehr kümmern müsste, wenn ich sehen könnte, oder was mich nicht mehr belasten würde. Mit welcher Leichtigkeit würde ich durchs Leben gehen können? Tagtäglich werde ich damit konfrontiert, dass meine Blindheit für andere Menschen im Vordergrund steht. Für mich hingegen, ist sie schon immer da. Wenn ich mir den Fuß breche und ich gefragt werde, wie ich ihn mir gebrochen habe, empfinde ich das als wertschätzende Anteilnahme. Wenn ich aber fast täglich gefragt werde, warum ich blind bin, empfinde ich das als Belästigung.

Uns behinderten Menschen wird subtil unterstellt, wir hätten nichts zu tun. 

Die Menschen gehen davon aus, dass wir kein anderes Leben als die Behinderung haben. Oft haben wir aber keine große Wahl, denn ständig strömen so viele behinderungsbedingte Tätigkeiten auf uns und unsere Angehörigen ein. Dafür können wir nichts; das haben wir uns nicht ausgesucht. Trotzdem ist aber doch die Blindheit oder jede andere Behinderung nur eine einzige Eigenschaft von ganz vielen, die uns ausmacht. Ich wünsche mir, dass sich dieser behinderungsbedingte bürokratische Wahnsinn unseren Leben anpasst, damit wir, wie andere Menschen auch, ein unbeschwertes Leben führen können.

Wenn ihr mehr über Andrea erfahren wollt,

dann schaut mal in ihrem Blog vorbei! (Gerade im Aufbau). Oder auf ihrer Website.

Falls ihr mehr darüber erfahren wollt, was andere blinde Menschen über ihre Behinderung denken,

dann schaut euch meine Kurzfilme für Belo Cipriani an.

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