von Karina Sturm 

„Der legt die Latte ganz schön hoch“, dachte ich mir, nach nur ein paar wenigen Zeilen im Buch „Rolle vorwärts: Das Leben geht weiter, als man denkt“ von Samuel Koch. Fast jeder Deutsche erinnert sich an den Unfall, der Samuel Koch während einer Folge „Wetten, dass..?“ zum Tetraplegiker machte.

Samuel beschreibt in seinem zweiten Buch beeindruckend locker wie er nach dem Unfall ein für ihn neues Leben beginnt – ohne Beine, dafür mit einem Rollstuhl. Er steht plötzlich vor Herausforderungen die ihm früher nie aufgefallen wären, wie einem Bordstein, der zu einem unüberwindbaren Hindernis wird.

Vor allem die ehrliche Art und die nüchternen Formulierungen erwecken den Eindruck, dass Samuel sehr gut mit seiner Behinderung umgehen kann und sein Leben fest im Griff hat. Es erscheint, als wäre genau diese Nüchternheit mit der er mit seiner Limitierung umgeht ein Teil seiner „Aufgeben-gibt-es-nicht“-Mentalität.

Bei einem solch sensiblen Thema und diesem Schicksalsschlag die Mitte zu finden, zwischen Mitleidshascherei und unglaubwürdiger Stärke, ist schwierig. Doch Samuel gelingt dieser Balanceakt. Gerade die teilweise emotionslosen, wenig ausgeschmückten, Beschreibungen lassen den Text spannend wirken und berühren.

Unzählige Male schossen mir die Tränen in die Augen – vor Freude, aus Wut oder Anteilnahme. Samuel lässt den Leser teilhaben an Erfolgen, die auch für Menschen ohne Behinderung schwer zu erreichen wären. Ein großer Meilenstein war seine Ausbildung an der Schauspielschule, von der er lange nicht wusste, ob er sie mit seinen Einschränkungen bewältigen könnte. Doch mit Optimismus und viel harter Arbeit gelang es ihm sein Studium fortzuführen und eine Rolle in Till Schweigers Film „Honig im Kopf“ zu ergattern.

Kopfschütteln und Aufregung ereilt den Leser während der Seiten auf denen Samuel über Hass-E-Mails und Trollkommentare berichtet. Wenig nachvollziehbar weshalb Menschen ihren Frust an ihm auslassen müssen. Umso überraschender seine Reaktion darauf: Freundlich antwortet er auf Beschimpfungen und scheint dabei völlig mit sich und seinem neuen Leben im Reinen. In jedem Wort ist eine unerschütterliche Stärke zu erkennen und wieder denke ich: „Man legt der die Latte hoch.“

Dieses Buch strotzt vor Erzählungen darüber, dass sein „behinderter“ Körper nicht tut was er soll und er deshalb in die unmöglichsten Situationen gerät. Als Samuel berichtet, wie er eines Abends ein paar Minuten alleine in der Natur verbringen will, dabei aus dem Rollstuhl fällt und für Stunden festhängt, muss der Leser lachen, ganz unabhängig davon, dass diese Situation eigentlich nicht lustig ist. Samuel schafft es immer wieder einen für ihn sicher sehr schmerzhaften Moment für den Leser in ein Lächeln zu verwandeln.

Samuel ist per Definition schwerbehindert, was niemand anhand seiner Erzählungen erahnen würde, wäre er nicht so bekannt. Er unternimmt zum Teil Dinge, die gesunde Menschen nicht tun würden oder könnten und genießt die kleinen Geschenke des Lebens, die andere vielleicht gar nicht sehen können. Klar, dass Samuel trotz mehrfachem Genickbruchs in eine Achterbahn einsteigt und sich dafür sogar Arme und Beinen zusammenbinden lässt, damit diese nicht wirr in der Luft herumfliegen. Angst und Bange wird es dem Leser bei der Vorstellung, dass Samuel immer weiter im Sitz nach unten rutscht und scherzhaft darüber nachdenkt, wie ironisch ein solcher Tod doch wäre.

Einige Stellen im Buch sind etwas provokant und verleiten den Leser zum vorschnellen Urteilen, ob es nicht zu riskant ist mit einer solchen Verletzung diese Aktivitäten auszuführen. Doch schnell wird der Leser erinnert, welcherart Unternehmungen für Samuel vor dem Unfall „normal“ waren. Er lässt sich eben durch nichts aufhalten und versucht möglichst alle Erfahrungen zu machen, die für gesunde Menschen leicht zugänglich sind.

Nur selten bekommt man einen Einblick in die dunklen Seiten seiner Gedanken, die Schmerzen und Qualen, die die schweren Verletzungen nach sich zogen. Mit negativen Gefühlen hält Samuel sich nicht lange auf. Sofort leitet er das Thema wieder in eine positive Richtung. Nur kurze Szenen zeigen, wie schwer es wohl gewesen sein muss den Sport, der einen großen Teil seines Lebens ausfüllte, aufzugeben. Heute kann Samuel nur neben den Turner sitzen und zuschauen, was er mit der größtmöglichsten Würde und Dankbarkeit tut.

Sogar mit Suizid und Sterbehilfe setzt sich dieses Buch ehrlich auseinander. Beides Themen die nicht nur kontrovers diskutiert werden, sondern vielen Menschen im schlimmsten Fall eine falsche Ideen über ein Leben im Rollstuhl vermitteln könnten. Samuel balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat und erklärt nachvollziehbar, weshalb Selbstmord für ihn nicht in Frage kommt.

Wie Samuel mit seinem zweiten Leben umgeht, mag für manche Leser zu extrem sein, für andere erfüllt er damit eine Vorbildfunktion. Am Ende ist es nicht der Leser, der dieses Leben leben muss, sondern Samuel, der in meinen Augen, die Latte ganz schön hoch legt.

 

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