#AbleismusTötet: Gewalt an Menschen mit Behinderungen

Eine Illustration eines Herz mit einem Messer

CW: Gewalt

Spätestens nach den Morden im Oberlinhaus in Potsdam hat jede Person zumindest einmal von Gewalt an Menschen mit Behinderungen gehört. Doch oft spricht die Öffentlichkeit von Einzelfällen, was suggeriert, dass Gewalt an Menschen mit Behinderungen eher die Ausnahme ist, nicht die Regel. Aber ist dem so?

Im Auftrag von AbilityWatch e. V. und gemeinsam mit einem multi- und interdisziplinären Team von Aktivist*innen und Journalist*innen recherchierte ich im Projekt #AbleismusTötet Gewaltfälle in stationären Einrichtungen in ganz Deutschland und was wir dabei alles gefunden haben, hat mich tief bewegt und gleichermaßen schockiert. 

[Das gesamte Rechercheprojekt könnt ihr auf www.ableismus.de nachlesen.]

Als mich Raúl Krauthausen im Sommer gefragt hat, ob ich Lust hätte für ein umfangreiches Projekt zum Thema Gewalt an Menschen mit Behinderungen in stationären Wohneinrichtungen als Journalistin an Board zu kommen, habe ich nicht gezögert, doch muss ich ehrlich zugeben, dass ich nicht erwartet habe, was da alles auf mich zukommen würde. 

Es hat nicht lang gedauert, bis ich auf die vielen wissenschaftlichen Berichte gestoßen bin, die im Detail beschrieben, wie viel häufiger Menschen – vor allem Frauen – mit Behinderungen in Einrichtungen von Gewalt betroffen sind. Doch der Schritt von diesen theoretischen Studien und Zahlen, die mir das nötige Hintergrundwissen vermitteln sollten, zu der Recherche von tatsächlich greifbaren Fällen mit sehr detaillierten Beschreibungen des Gewaltakts und der Betroffenen, war nochmal ein anderer. Schnell war klar: Nein, Gewalt an Menschen mit Behinderungen (in stationären Wohneinrichtungen) ist absolut kein Einzelfall.

Über die Monate der Recherche wuchs unser Team stetig und ich hatte das Privileg zum ersten Mal in meiner Laufbahn als Journalistin in einem Umfeld zu arbeiten, in dem mehr als die Hälfte der Menschen im Team selbst chronisch krank/behindert waren und in dem alle wussten, wie man Menschen mit Behinderungen in den Medien akkurat darstellt. Während der Monate habe ich super viel von meinen Kolleg*innen gelernt, neue Freund*innenschaften geknüpft und mich mehr verstanden als in anderen Projekten gefühlt. Doch nicht nur hatten wir ein kompetentes Team aus Fachleute, auch der journalistische Anspruch von #AbleismusTötet war herausfordernd. Denn gerade bei so einem sensiblen Thema war es von großer Bedeutung, dass wirklich jedes Detail einwandfrei recherchiert war. 

Stundenlang nur davon zu lesen, wie Menschen teilweise über Jahre hinweg misshandelt werden, und die Täter*innen oft – meiner Meinung nach – recht glimpflich davon kommen, macht wütend und traurig. Einen der Fälle, der mich mit am meisten bewegt hat, will ich im Folgenden kurz anschneiden. 

[Im Detail könnte ihr alle Fälle auf der Seite www.ableismus.de nachlesen.] 

In einer Einrichtung in Fischbachau in Bayern wurden über mehrere Jahre hinweg ein dutzend Menschen mit Behinderungen vom Heimleiter und mehreren Pflegern misshandelt. Die Anklage lautete: “Misshandlung von Schutzbefohlenen sowie der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung in insgesamt 107 Fällen.” Verurteilt wurden alle Täter, bis auf einen, der kooperativ war. Der Heimleiter hat zwei Jahre auf Bewährung bekommen und ein Berufsverbot für drei Jahre. Besonders an diesem Fall war, dass die Heimaufsicht die Einrichtung mehrfach aufgrund von anonymen Tipps geprüft hatte, aber nie einen Verstoß feststellen konnte. Die Süddeutsche Zeitung schrieb von ‘Hinweisen’ darauf, dass der Heimleiter von der Heimaufsicht vor Besuchen gewarnt wurde. Zusätzlich gab es in der selben Einrichtung einen möglichen zweiten Fall: drei Todesfälle, die jetzt neu aufgerollt werden sollen und in der Vergangenheit als Unfälle eingestuft wurden. Einer dieser Todesfälle wurde als Schlaganfall deklariert; gefunden wurde ein gebrochener Kehlkopf. 

Unser Team hat viele solcher Fälle recherchiert und aufgearbeitet, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wirklich keine Rede von Einzelfällen sein kann. Das Projekt hat auch ganz klar gezeigt, dass stationäre Einrichtungen ein Nährboden für Gewalt sind. Als Konsequenz der Recherche wurden deshalb von AbilityWatch e. V., in Kooperation mit anderen Behindertenrechtsorganisationen, Maßnahmen formuliert, die die Politik treffen muss, um Menschen mit Behinderungen besser vor Gewalt zu schützen. Außerdem gibt es auf der Website auch eine Liste mit Hilfsangeboten für von Gewalt betroffene Menschen und diverse Texte zur Erläuterung des Projekts und bestimmter Begriffe, für den Fall, dass ihr nicht wisst, was Ableismus heißt oder generell mehr darüber erfahren wollt, was Gewalt ist und wie Ableismus Gewalt begünstigt. 

Wenn ihr mehr über #AbleismusTötet erfahren wollt, dann schaut doch mal auf die Website vorbei, sprecht mit euren Freund*innen über dieses Projekt, oder teilt unsere Social-Media-Inhalte. Denn nur so lässt sich langfristig etwas verändern und ihr könnt ein Teil davon sein! 

www.ableismus.de

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