von Karina Sturm

 

Hätte einer meiner Lehrer meinem 14-jährigen Ich damals gesagt, dass ich studieren solle, und dann auch noch Journalismus, hätte ich ihm den Mittelfinger gezeigt, gelacht und gefragt, ob er mich verarschen wolle. Früher war mir Schule egal. Ich ging auf eine Mädchenrealschule. Und die existiert sogar heute noch in meiner Heimatstadt. Die männlichen Gleichaltrigen waren nur ein paar Meter entfernt in einem anderen Gebäude, dessen Sportplatz wir uns teilten. So kam es, dass eines meiner wöchentlichen Highlights der Sportunterricht war. Man glaubt gar nicht wie kurz Sporthosen sein können und wie viel Make-up weibliche 14-jährige-Sportler so auftragen können. Dank der Entbehrung jeglicher Männlichkeit an meiner Schule, war es natürlich umso besonderer, wenn man dann im Zentrum deren Schule Sportunterricht hatte. Wobei Sport relativ war. Unsere körperliche Betätigung beschränkte sich auf exzessives Dehnen, vor allem nach vorne. Die Jungs hingegen, flohen reihenweise aus ihren Klassenzimmern, in Richtung Toilette mit Fenster zum Sportplatz. Motivierenden Rufe und Fünf-Euro-Münzen brachten uns dazu noch etwas ausgiebiger zu dehnen. Die Schulregeln besagten, dass wir nicht einmal Fuß auf das Gelände der jeweilig anderen Schule setzen durften. Und was verboten ist wird schnell interessant. 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr ich mich immer auf den 12-Uhr-15-Gong gefreut habe, denn da hatten viele meiner männlichen Freunde häufig Schulschluss und der Weg zur Bushaltestelle führte genau an der Mädchenrealschule vorbei. Die Zeit, die ich vorher dem Unterricht hätte lauschen sollen, verbrachte ich damit kleine Zettelchen zu schreiben, die ich dann ganz ”unauffällig” aus dem Fenster warf, wenn ich einen meiner Freunde sah. Meine Nachmittage verbrachte ich zusammen mit einer großen Clique am lokalen Skatepark. Zeit für Lernen blieb da nicht – dachte ich damals zumindest. Ich hatte ständig das Gefühl sonst etwas Wichtiges zu verpassen. 

Den Realschulabschluss habe ich zwar geschafft, aber wirklich was mit ”und hier arbeitest du jetzt für den Rest deines Lebens” konnte ich nicht anfangen. Ich hatte sicher viel im Kopf, aber kaum etwas, das mit Lernen zu tun hatte. Das einzige was ich diszipliniert täglich tat, war Tagebuch zu schreiben und zwar seit der vierten Klasse. 

Ansonsten fand ich nur Medizin spannend und dass ich mich um Menschen kümmern wollte, das war mir klar. Der Test den wir damals mit der Jobberatung des Arbeitsamtes ausfüllen mussten, sagte, ich solle Saftverkäufer werden – kein Scherz. Ich entschied mich dann doch anders. Kreuzte man meinen Notenschnitt von um die Vier mit meinem ”ich will etwas Soziales machen”, kommt man irgendwo bei Altenpflegerin, Arzthelferin oder Krankenschwester raus. Ich entschied mich für die Arzthelferin – und wieder ganz ohne männliche Mitschüler; ein roter Faden, der sich durch alle meine Ausbildung zog. Relativ schnell entwickelte ich mich von jemandem den Ausbildung nicht interessierte zum genauen Gegenteil. Plötzlich gab es Themen, die mich wirklich fesselten und ich war auf einmal aufmerksam am Lauschen, wenn die Lehrerin lateinische Begriffe von Organen an die Tafel schrieb. Aus einem Grund den ich bis heute nicht verstehe, konnte ich mir Fachbegriffe immer leicht merken. Auch die Arbeit in der Arztpraxis machte mir Spaß und ich liebte vor allem meine älteren Patienten. Ich schloss die Ausbildung als Jahrgangsbeste ab und im selben Moment war klar, dass ich noch weiter machen wollte und noch mehr erfahren musste. 

Ich bewarb mich für die Ausbildung zur Medizinisch-Technischen-Laborassistentin und nur ein Jahr später war ich genau an dem Ort, den ich als Teenager so gehasst hatte: In der Schule! Vollzeit! Nur diesmal rund sechs bis sieben Stunden täglich plus dreistündigem Lernen danach. Gut, ich muss auch zugeben, dass nicht jeder die zehn Ordner für die Prüfung schon eineinhalb Jahr vorher anfing akribisch zu lernen und auch nicht jeder sich ausschließlich mit der Note Eins zufrieden gab. Das Problem war und ist bis zu diesem Tag, dass ich nur entweder alles wissen kann oder nichts. Ich war immer schlecht darin abzuschätzen, wie viel ich lernen musste, um im Mittelmaß zu sein. Männertechnisch, hingegen, hatte ich ein deutliches Upgrade gemacht: Von Null auf Drei!

Nach einem halben Jahr Ausbildung packte mich die Angst. Unser Stundenplan war in Blöcke eingeteilt und der kommende hatte wöchentlich sieben Stunden Chemie, sieben Stunden Physik und drei Stunden Mathe. Die drei Fächer, die ich in der Vergangheit selbst wenn ich für eine Prüfung gelernt hatte, trotzdem verbockte. Um mir die Blamage zu ersparen, wegen Versagens von der Schule zu fliegen, überlegte ich lieber freiwillig zu gehen. Meine Klassenkameraden hielten mich davon ab und es stellte sich heraus, dass ein paar Jahre reifer sein doch einen Unterschied machte. (Und die Tatsache, dass unser Mathematiklehrer damit anfing uns Bruchrechnen beizubringen, schadete auch nicht…).  Wenige Stunden später waren wir dann aber auch schon bei Statistik. Alles ging in der Ausbildungszeit zu schnell. Der Lernstoff war immens. Das hat meinen Ehrgeiz geschürt. Das ging so weit, dass ich am Ende des ersten Jahrs unglücklich darüber war nur eine Zwei in Physik zu haben. Die Abende verbrachte ich in meinem Schreibtischstuhl, zurückgelehnt, mit den Füßen auf der warmen Heizung und einer Tafel Milka Noisette griffbereit. Manchmal schlief ich im Sitzen ein und fiel vom Stuhl. Andere Male starrte ich einfach nur ins Leere und fragte mich, wie ich die nächste Woche mit drei Schulaufgaben überstehen sollte. Im zweiten Jahr hatte ich in einer der ersten praktischen Prüfungen eine Fünf! Meine Einzige. Nach drei Jahren schloss ich die Ausbildung als Beste ab und wurde in die Begabtenförderung aufgenommen.

Nach sechs Jahren Ausbildung begann endlich der Arbeitsalltag für mich und auch das Frauen-Männer-Verhältnis war endlich ausgeglichen. Das Arbeiten in der Forschung war angenehm, spannend und fordernd. Trotzdem plante ich bald die nächste Herausforderung. Ich wollte Lehrkraft für MTA’s werden. Mit der Begabtenförderung als Unterstützung startete ich eine Wochenendfortbildung. Doch bis zum Abschluss kam es leider nie. 

Nach einem Wochenendseminar war Schluss, denn im August 2010 wurde ich chronisch krank. Und auf einmal war alles was ich vorher tat, alles wofür ich so hart (oder manchmal auch gar nicht) gearbeitet hatte belanglos. Im Nachhinein fragte ich mich häufig, ob ich mein Leben vielleicht anders leben hätte sollen. Ob ich vielleicht zu viel Energie in meine Ausbildungen gesteckt habe. Hätte ich lieber mehr leben sollen?

Und dann schaue ich mich kurz um und merke wieder, dass ich auch heute nicht viel anders bin als damals – zumindest wenn es um Leistung geht. Jetzt sitze ich nicht mehr auf dem Schreibtischstuhl, weil mein Rücken das nicht mitmacht. Dafür liege ich auf meinem Sofa und arbeite an meiner zweiten Prüfung für ein Studium, das es ohne Krankheit wohl nie gegeben hätte. Anstatt meine Tafel Noisette Schokolade steht heute Kaffee neben mir, damit ich durch den Tag komme. Und meine Füße liegen nicht mehr auf der Heizung, sonder viel mehr liegt eine Wärmflasche abwechselnd an meinem Rücken, auf meinem Bauch, oder auf irgendeiner anderen Stelle die gerade schmerzt. Ich starre auf meine Prüfungsaufgabe, habe eine Schreibblockade, warte eine Stunde, nur um dann festzustellen, dass meine Energie für den Tag jetzt auch schon aufgebraucht ist. 

Der größte Unterschied zwischen damals und heute ist, dass mir mittlerweile ganz klar ist, was es für ein Privileg ist eine Aufgabe zu haben und diese auch bewältigen zu können. Früher war es für mich selbstverständlich das mein Körper das schon alles mitmacht – egal wie krumm ich vor dem Schreibtisch saß, wie viele Nächte ich kam schlief, ich funktionierte. Heute lässt mich mein Körper jede Minute wissen, was ich ihm da antue. Und ich bin dankbar, dass er mir trotzdem erlaubt diesen neuen Fokus in meinem Leben zu haben. Ich bin glücklich, dass ich etwas gefunden habe, was mich so erfüllt. Die Leistung die ich heute brauche, um meine Prüfungen zu bestehen, bedeutet mir sogar mehr als noch vor acht Jahren, denn für jeden Erfolg muss ich deutlich härter arbeiten als ich es früher musste. Ja, alles geht langsamer und zäher, aber auch kriechend komme ich irgendwann ans Ziel.

 

2 Kommentare
  1. Manuela Schneider sagte:

    Das tolle bei deinen Beiträgen ist, dass du einem, trotz dem ernsten Thema, zum Schmunzeln und Lachen bringst. Ich entdecke viel Gemeinsames:-) Wir erkennen wirklich erst, dass es ein Privileg ist sich ins Zeug zu legen, wenn es nicht mehr eine Selbstverständlichkeit ist. PS Ich habe 3 Wärmflaschen, eine Heizdecke und Flugtickets in die Wärme, je nach Schmerzgrad und Saison:-)

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    • karinabutterfly sagte:

      Hallo meine Liebe,
      danke dir für die lieben Worte. Ja, du hast recht. Früher hatte ich eher das Gefühl alles sei selbstverständlich. Heute weiß ich es besser. Ach ja, das Ticket in die Sonne fänd ich auch schön. Aber mit den Arztrechnungen und dem Studium ist mein Budget extrem ausgelastet. ;) Nächstes Jahr vielleicht. Man setzt halt Prioritäten.
      Gruß,
      Karina

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