von Karina Sturm

„Gegengutachter muss bis in 14 Tagen benannt worden sein. Schriftlich! An das Sozialgericht!“ Sonst scheitert das komplette Rentenverfahren.

Ein Rechtsstreit, in dem ich damals schon über zwei Jahre steckte. Und dieser eine kleine Brief mit der 14-Tage-Deadline trieb mir Schweiß auf die Stirn.

Seit sieben Jahren war ich nun chronisch krank und genauso lang war mein Terminkalender bis zum Anschlag voll. Überall rot markierte Texte, mit „Frist für X-Widerspruch bei Krankenkasse“ oder „Deadline Rentenversicherung“. Nahezu  mein ganzes Leben war ein Terminkalender voller Erinnerungen an unerledigte Arbeiten, die mehr als unangenehm zu erfüllen waren. Mit jedem verschickten Widerspruch schwappte ein neuer Brief herein und jeder dieser Briefe hatte eine mal längere, mal kürzere Frist, die ICH, der Patient, zu erfüllen hatte.

Meine bis heute wichtigste Frist, mein Gegengutachten im Rechtsstreit um die Rente, war gleichzeitig auch die nervenaufreibendste. Innerhalb weniger Wochen musste ich bestimmen welcher Gott in Weiß nun über meine restliche finanzielle Zukunft befinden sollte.

Eine Entscheidung darüber, ob ich imstande sein würde, ein möglichst selbständiges Leben zu führen oder eben nicht.

Eine Entscheidung darüber, ob ich mir all die Zusatzkosten für Hilfsmittel, Medikamente oder privatzuzahlende Leistungen (und davon gibt es jede Menge) leisten können würde. Oder ob ich weiterhin meine Eltern um Hilfe bitten müsste, wie es zuvor war.

Und da stand ich nun, mit meiner seltenen Erkrankung, dem Ehlers-Danlos-Syndrom und unzähligen weiteren Diagnosen auf der Liste, und sollte einen Arzt benennen, der all das zu beurteilen vermochte. Eine fast unmögliche Aufgabe. Ich telefonierte mir die Finger wund, schlug mir die Nächte um die Ohren, da ich mich damals bei meinen US-Ärzten befand und mit der Zeitverschiebung sonst keine Praxis tagsüber zu deutscher Zeit erreicht hätte. Mühsam fand ich einen Mediziner, der sich bereit erklärte meinen Fall zu beurteilen. Mehrmals fragte ich nach, ob er sich auch zu hundert Prozent sicher sei, dass er sich das zutraue und erklärte ihm,  ich würde ihn dann beim Sozialgericht benennen. Er versicherte mir, das wäre kein Problem, er würde mich nicht im Stich lassen.

Wie sich drei Tag vor Fristende herausstellte, waren aus den hundert Prozent, null Prozent geworden und per E-Mail nahm die Sekretärin die Zusage nun zurück. Ich brach in Tränen aus, war erschüttert, sah meine Chancen auf eine Rente schwinden und wusste nicht, wie ich das noch weiter durchstehen sollte. Bis zu diesem Punkt hatte es mich schon zu viel Anstrengung gekostet und offenbar war manchen Ärzten gar nicht bewusst, welche Konsequenzen solche Handlungen für den Patienten hatten. Natürlich stellte ich sicher, dass die betreffende Person mitbekam, was er gerade angestellt hatte. Nichtsdestotrotz musste ich jetzt sehen, wie ich bis zu meiner Deadline einen anderen Arzt finden konnte und niemand wusste, wie schwer es sein würde, dem Gericht die neue Situation zu erklären.

Manchmal tut ein wenig Abstand gut

Manchmal tut ein wenig Abstand gut

Glücklicherweise erbarmte sich am letzten Tag ein gütiger Arzt zu meiner Rettung zu eilen und das Gutachten zu schreiben, und wie durch ein Wunder wurde mir die Rente bewilligt.

Man könnte nun sagen, das alles wäre Schicksal gewesen, eine Fügung, es musste so laufen. Wer weiß schon, was der erste potenzielle Gutachter für einen Mist verzapft hätte. Kann alles sein. Fakt ist aber, für den Mensch, der mir so kurzfristig abgesprungen war, der mir beinahe mein Leben versaut hätte, für den hatte das alles keine Konsequenzen. Der hat von nichts irgendetwas mitbekommen. Vermutlich hat er nicht einmal meine E-Mail gelesen, in der ich versucht habe, möglichst neutral zu erklären, welch einen Schaden er mit sowas anrichten kann. Keine Reaktion. Nichts.

Ich hingegen, durfte durch den massiven psychischen und körperlichen Stress eine Verschlechterung meines Zustands in Kauf nehmen. Ich musste tagelang nachts wach in der eiskalten Küche sitzen und schauen wie ich Ärzte ans Telefon bekomme. Ich war es, die betteln und bitten musste, damit sich jemand meinem Fall annimmt. Ich war es, die unter Tränen mit ihren Eltern telefonierte und bat sie sollen sich auch ans Telefon hängen und Ärzte abtelefonieren. Ich bin es auch, die keine Kosten und Anstrengungen scheuen darf, obwohl sie eigentlich keine Energie und kein Geld für sowas hat.

Der kranke Mensch hat mit seiner Krankheit eigentlich schon genug zu tun, aber darf sich nicht darauf konzentrieren. Er muss Anträge und Widersprüche schreiben, Klageverfahren einleiten, zu unzähligen Gutachten antreten, von denen 90 Prozent keine Ahnung davon haben, wie man Ehlers-Danlos-Syndrom eigentlich ausspricht, aber trotzdem meinen, entscheiden zu können, dass das so schlimm gar nicht sein kann. Man schaut ja gesund aus, richtig? Falsch.

Ich kann mich kaum noch an die einzelnen Gutachten erinnern. Zu irgendeinem Zeitpunkt verschwommen sie alle zu einer trüben Masse. Am Ende ist es auch egal, es war alles dasselbe.

Ich frage mich oft, wie das Menschen schaffen, die alleine sind, die keine Unterstützung haben, keine Familie oder Freunde. Keine Rechtsschutzversicherung, die ein Gegengutachten und einen Gerichtsprozess finanziert, ohne die es völlig unmöglich wäre, die Tausende von Euro für ein eigenes Gutachten zu bezahlen.

Ohne meine Familie wäre ich nicht einmal zu meinen Gutachterterminen gekommen. Ich benötigte immer jemanden der mich hinfuhr. Ohne meine Rechtsschutzversicherung hätte ich nie eine Klage überstanden oder finanzieren können. Und ohne meine Freunde hätte ich die emotionale Berg- und Talfahrt nicht ertragen können.

Doch was machen Menschen, die das alles ganz alleine schaffen müssen? Vermutlich aufgeben. Und das ist es, worauf die Sozialversicherungen bauen. Dass die Menschen körperlich, emotional oder finanziell zusammenbrechen. Das ist nicht nur unfair, das ist menschenunwürdig.

Gerade die Menschen, die Hilfe am Nötigsten brauchen, bekommen die meisten Steine in den Weg gelegt und müssen ständig aufs Neue ihre Stärke beweisen. Aber bloß nicht zu stark wirken, sonst könnte der nächste Arzt schon wieder meinen, man wäre nicht krank genug. Dieser Balanceakt lässt Menschen zerbrechen, zerstört Leben und macht mich sehr traurig.

Und was ist eigentlich mit den Fristen der Gegenseite? Nichts. Ich darf leider keine zwei Wochen einfordern, wenn ich wieder zehn Monate auf die Entscheidung des medizinischen Dienst warte…

 

2 Kommentare
  1. Sascha Wagner sagte:

    Hallo super das du deine Erfahrung teilst genau das steht uns noch bevor, das ist ein absolutes Desaster, echt krass was hier im Deutschland abgeht, kurz gesagt fuck off.Ich suche mir momentan auch eine Rechtschutz versicherung und mit dem
    HEDS ist jeder tag ne Qual , so schon da kann man einfach nicht noch Arbeiten auch keine 2 Std.
    Gruß Sascha

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    • karinabutterfly sagte:

      Hallo Sascha, zum Glück sind die Erfahrungen ja doch ganz unterschiedlich. Das kommt ganz darauf an welchen Gutachter man hat und wie der persönliche Falle sich gestaltet. Ich hab mir diese ganzen Gutachten zu sehr zu Herzen genommen und war dadurch wirklich mitgenommen, aber auch da ist jeder anders. Eine Rechtsschutzversicherung und/oder ein Sozialverband sind meiner Meinung nach extrem wichtig. Ich habe gar nichts an Schriftverkehr ohne den Sozialverband gemacht, einfach um sicher zu gehen, dass Fristen eingehalten werden und alles abläuft wie es sollte. Ich war auch völlig überfordert mit der ganzen Gesetzeslage und meinen eigenen Rechten. Daher bin ich sehr froh, dass ich damit nicht alleine war, sondern immer jemanden Fragen konnte.
      HEDS sieht auch für jeden anders aus. Manche Leute arbeiten damit auch Vollzeit, andere sind Bettlägerig. Das ist so individuell und es gibt alle erdenklichen Ausprägungen. Was es am schwierigsten macht ist dass nicht jeder Tag gleich ist. Manche Tage sind gut genug um ein bisschen was zu machen, andere erlauben einem nur auf dem Sofa zu liegen ohne klar denken zu können.
      Ich drück dir die Daumen für deinen Kampf.
      Gruß
      Karina

      Antworten

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