Mein Mann Markus und Ich im Flugzeug

Wir sitzen bei einem gemütlichen Abendessen in einem koreanischen Restaurant. Ich gucke skeptisch auf die Meeresschnecken, die vor Markus, meinem Mann, auf dem Tisch stehen. Die sehen schleimig aus und sind braun gepünktelt und seltsam gekrümmt. Markus sagt: ”Du traust dich sicher nicht eine davon zu essen!” Das ist mein Stichwort. Ich steche mit meiner Gabel in die Schnecke – richtig ledrig fühlt sie sich an – und beiße herzhaft zu. Sekunden später verziehe ich mein Gesicht und stelle fest, dass ich vielleicht doch nicht aus jedem Land eine Spezialität probieren muss, wie ich es vor Jahren auf meiner Bucket List notiert habe. 

Die zwei Bekannten, die uns eingeladen haben, lachen lauthals los und schieben mir die zehn anderen Teller mit exotischem Essen zu, die sie für uns bestellt haben. Ich hoffe stark, dass es nur besser werden kann. Ein lustiger Abend mit netten Leuten. Bis zu dem Punkt, an dem meine chronischen Krankheiten zum Thema werden. Und während ich genüsslich auf meinem gegrillten Hähnchen mit Reis kaue, sagt mein Bekannter zu meinem Mann: “Markus, ich bewundere dich wirklich dafür, dass du bei Karina bleibst, obwohl sie so krank ist.”  

Diesen Satz hatte ich in der Vergangenheit in ähnlicher Ausführung auch schon von anderen gehört. Die wohl heftigste Variante davon war: ”Also Leute die behindert oder krank sind, können froh sein, wenn sie noch wer heiratet.” Der einzige Unterschied diesmal ist, dass die Person die mir heute gegenüber sitzt, jemand ist, den ich wirklich gern habe und von dem ich weiß, dass er seine Aussage nicht böse meint. Nein, viel mehr denkt er, es wäre ein Kompliment für Markus. 

Mein Mann reagiert: ”Naja, das ist jetzt nicht unbedingt was Besonderes. Mit Karina ist’s auch nicht viel anders als mit anderen Frauen.” (Ich bin ganz froh, dass er nicht noch anfügt: ”Sie ist genauso anstrengend wie alle…”). Mein Bekannter lässt nicht locker und reitet noch ein bisschen länger auf dem Thema herum. Für ihn ist unsere Geschichte romantisch. Er denkt wir wären die Definition von dem was Hollywood uns gern als die große Liebe verkauft. 

Ja, mein Mann ist sicher bewundernswert für ganz viele Dinge, aber nicht dafür, dass er mich trotz meiner Krankheit geheiratet hat. Und so versuche ich meinem Bekannten zu erklären, weshalb eine andere chronisch Kranke ihm seine Aussage eventuell deutlich krummer nehmen würde als ich und warum mein Mann kein Heiliger ist, nur weil er mich geheiratet hat:

  1. 20 Prozent aller Menschen zwischen 30 und 40 Jahren leben mit einer chronischen Krankheit laut einer Forsa-Umfrage. Mit über 60 steigt die Zahl auf 40 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ehepartner irgendwann chronisch erkrankt ist ziemlich hoch. Die einzige Besonderheit in unserer Ehe: Ich bin halt  ein bisschen früher dran. Damit haben wir schon Übung für später.
  2. Mein Mann hat Recht, es ist wirklich nicht viel anders mit mir als mit anderen Frauen. Klar muss er mir oft im Haushalt helfen und ja, er muss auch mit mir einkaufen gehen, weil ich die Lebensmittel nicht alleine tragen kann. Aber ist das wirklich zu viel verlangt oder sind das nicht alles Aktivitäten, die vielleicht auch in einer Ehe ohne jemanden mit einer chronischen Krankheit stattfinden (sollten)? 
  3.  ”In guten wie in schlechten Tagen…” Das ist was sich viele Christen versprechen, wenn sie heiraten. Nun habe ich nicht kirchlich geheiratet und bin auch nicht sehr religiös, aber ich nehme diesen Satz besonders ernst. Es ist einfach in guten Zeiten verheiratet zu sein. In schweren Zeiten sieht man was die Beziehung tatsächlich aushält. Ja, wir haben viele schwerere Zeiten, aber dafür genießen wir die Guten umso mehr. Und wenn mein Mann mal eine schwere Phase hat, wissen wir jetzt schon, dass wir die irgendwie überwinden werden. Wir haben gerade durch die schweren Phasen gelernt ein Team zu sein.
  4. Meine Krankheit ist ein Teil von mir und macht mich natürlich irgendwo zu dem was ich bin, aber sie ist eben auch nicht alles, was ich bin. Mein Mann hat sich seine bisherigen Frauen vermutlich nicht nach deren Gesundheitszustand ausgesucht. Und Kranksein ist auch nicht nur negativ. Die meisten chronisch Kranken sind ganz schön Badass. Sie haben vielleicht andere Prioritäten und Stärken, aber das macht sie nicht zu einer schlechteren Wahl. Im Gegenteil, es macht sie zu Menschen, die mit Krisensituationen umgehen und immens gut planen können und die wissen, wie man für sich selbst einsteht.
  5. Auch kranke Frauen haben ihren Männern etwas zu bieten. Und nein, ich spreche hier nicht von Schlafzimmeraktivitäten. Ich meine emotional und intellektuell. Alle Aktivitäten die ich aufgrund meiner Erkrankung nicht mehr kann, mag mein Mann größtenteils ohnehin nicht. Volleyball zum Beispiel. Das heißt, wir müssten so oder so eine gemeinsame Aktivität finden, die uns beiden gefällt. Und da spielt meine Krankheit nur bedingt eine Rolle. Als wir vor Kurzem in einem Vergnügungspark waren, konnte ich keine einzige Achterbahn fahren. Das ist halt so. Damit kann ich leben. Das heißt aber nicht, dass mein Mann deshalb auch nicht fahren kann. Wann auch immer eine Situation entsteht, in der mein Mann etwas machen will, was ich nicht kann, dann macht er es eben alleine und zeigt mir später Bilder oder Videos. Ja, das tut manchmal weh, aber dafür ist er glücklich und das ist es wert. Und ansonsten suchen wir uns Dinge, die wir beide mögen und können. Kayaken zum Beispiel. Er paddelt und ich schaue aufs Meer. Oder Brettspiele spielen, Fotografieren oder einfach einen guten Dokumentarfilm schauen. 

Ich denke Beziehungen zwischen chronisch Kranken und Gesunden sind am Ende auch nur Beziehungen. Die brauchen viel Arbeit, Geduld, Verständnis und Liebe. Aber sie bieten eben auch viel Raum intensiver zusammenzuwachsen und herauszufinden, wie gut man wirklich zusammenpasst. Ob mein Mann und ich uns wohl ohne meine Erkrankung überhaupt gefunden hätten? Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. 

 

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