von Karina Sturm

Eine Journalistin brachte mich im Zuge einer Befragung ganz schön ins Schwitzen. Sie warf folgende Frage, stellvertretend für die Leser, in den Raum:

Warum tragen Sie die Bandagen oder zumindest die Halskrause nicht offen, als Zeichen für Ihre körperliche Einschränkung?

Ist es nicht etwas viel verlangt, die Mitmenschen auf diese Weise „auf die Probe zu stellen“?

 

Ich musste lang überlegen, wie ich darauf antworten würde ohne pampig zu klingen und wie ich dieses Thema erläutern könnte, um es auch Nicht-Betroffenen näherzubringen.

In folgenden drei Antworten möchte ich versuchen das Thema ein wenig genauer zu beleuchten:

Ich trage die Halskrause tatsächlich häufiger offen als versteckt. Gerade in Situationen in denen ich in der Vergangenheit sehr viel mit der Ignoranz meiner Mitmenschen zu tun hatte, z. B. am Flughafen, kann man sie nun meistens offen sehen. Überraschenderweise bringt mir das zwar diverse Blicke ein, aber kein Stückchen mehr Toleranz. Eine Halskrause wird offenbar nicht zwangsläufig mit ernster Erkrankung in Verbindung gebracht. Viel mehr denken die Menschen an Autounfälle, bei denen die Betroffenen kurz eine Krause tragen und dann alles wieder gut ist. Es kommt keiner auf die Idee Verletzungen zu vermuten, die vielleicht sogar lebensbedrohlich verlaufen. Das mag auch daran liegen, dass ich beide Beine benutzen kann und aufrecht stehe. In der Kombination macht es für mich wenig Unterschied, ob ich die Halskrause mit einem Schal verstecke oder offen trage.

Es gibt Tage, da möchte man sich einfach nicht krank fühlen und ganz normal aussehen, wie jeder andere Mensch. Was viele vergessen ist, ich bin am Ende auch nur eine Frau, die nicht immer nur den Krank-Stempel aufgedrückt bekommen will, sondern ab und an auch gerne Prinzessin ist und hübsch aussehen mag. Mich stört die Halskrause in der Regel nicht mehr, ich bemerke sie größtenteils nicht, aber trotzdem ist sie nicht unbedingt ein modisches Accessoire. Sie sieht nicht toll aus, wenn man ein Kleid trägt und auch in Kombination mit Bikini und Flipflops wirkt sie störend. Trotzdem trage ich sie in diesen Situationen meistens. Doch dann gibt es Momente, wie meine Hochzeit, an denen ich trotz aller Symptome darauf verzichte, weil ich mich einen einzigen Tag lang wunderschön fühlen möchte. Sie erinnert mich leider auch immer daran, dass ich krank bin. Bei jeder Bewegung ist sie im Weg, man kann den Kopf nicht drehen und sogar bücken fällt schwer. Man wird unweigerlich an seine Gebrechen erinnert und manchmal fühle ich mich dadurch noch kränker. Dann gibt es diese Tage, an denen möchte ich einfach Fake-Gesund sein. Solche Momente sind rar, aber ganz wichtig für mein Wohlbefinden. Ich denke schon, dass jeder kranke Mensch auch das Recht haben sollte, sich selbst schön zu fühlen, ob mit oder ohne Krause.

"Nein. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist möglichst krank auszusehen, um im Alltag respektvoll behandelt zu werden."

“Nein. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist möglichst krank auszusehen, um im Alltag respektvoll behandelt zu werden.”

Und zu guter Letzt sollte man wirklich nicht durch sein Umfeld gezwungen werden, eine Behinderung offen zu zeigen, nur weil das den Menschen leichter macht, uns schon aus 100 Meter Entfernung zu erkennen. Mitgefühl und Verständnis sollte nicht abhängig davon sein, was man äußerlich sehen kann. Das sollte selbstverständlich sein. Gerade darum geht es doch, eben nicht über Ding zu urteilen, die man nicht sehen kann. Es sollte nicht nötig sein, eine Behinderung zur Schau zu stellen, um Toleranz entgegengebracht zu bekommen. Vor allem nicht dann, wenn ich als Person ganz klar formuliere, wenn ich Hilfe brauche und warum. Ich denke man kann immer davon ausgehen, dass die Person nicht um Hilfe bitten würde, wenn sie diese nicht bräuchte. Egal ob ich nun eine Halskrause sehen kann oder nicht. Es sollte selbstverständlich sein, so einer Bitte nachzukommen ohne zu urteilen.

Überhaupt scheint es auch in vielen anderen Bereichen, ganz unabhängig von Erkrankungen, heutzutage eher die Regel zu sein, den Mitmenschen vorurteilsbehaftet und ignorant entgegenzutreten. Wenn man sich den Umgang mancher Menschen mit Flüchtlingen oder Obdachlosen anschaut, dann kann ich als kranke Person wohl noch froh darüber sein, dass ich nur komische Blicke und Kommentare bekomme.

Stelle ich meine Mitmenschen nun auf die Probe?

Ich würde sagen, Nein. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist möglichst krank auszusehen, um im Alltag respektvoll behandelt zu werden. Alle Menschen, ob krank oder gesund, sollten genauso miteinander umgehen. Wenn das nicht möglich ist, liegt das Problem nicht daran, dass wir Kranken es unserem Umfeld schwer machen…

Ich möchte eure Meinung hören!

Was meint ihr? Stellen chronisch Kranke ihre Mitmenschen auf die Probe? Hinterlasst einen Kommentar.

 

3 Kommentare
  1. Fuchs Silvia sagte:

    Liebe Karina! Ich sehe das genauso wie du. Ich hatte diese Woche wieder so ein Erlebnis auf einer Ambulanz. Ich hatte einen Termin und die Schwester sagte – na wie geht es ihnen. Ich – leider ziemlich schlecht. Darauf ihr Kommentar – aber ausschauen tuen sie gut. Das sind genau die Aussagen die wir brauchen können vor allem von medizinischem Personal. Natürlich sieht man vielen von uns ihre Krankheiten nicht an und ich finde es auch gut so. Es sollte eigentlich reichen wenn wir sagen dass es uns nicht gut geht – aber leider ist es nicht so. Ich würde mich freuen wenn sich das mal ändern würde nur daran glauben kann ich nicht.

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    • karinabutterfly sagte:

      Huhu Silvia,
      mich stört gar nicht wenn mir jemand sagt, dass man mir nichts ansieht. Das ist ja ok. Ich will ja auch gar nicht dass ich krank aussehe. Ich fänds nur schön, wenn man eine Aussage dann nicht anzweifelt, sondern registriert, dass eben nicht alle Krankheiten zu sehen sind. Wenn mich jemand um Hilfe bittet muss ich doch auch nicht hinterfragen ob die Person eigentlich gar keine Hilfe braucht. Wieso würde jemand denn sonst um Hilfe bitten? :)

      Antworten

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