, , , ,

Wenn ein „Wie geht es dir heute“ so viel mehr ist als nur eine Floskel.

von Karina Sturm.

Es ist 13 Uhr in Washington und ich stehe an meinem Gate, bereit zum Boarden meines Fluges.

Die letzten Tage haben mich massiv geschwächt, die vielen Arzttermine zusammen mit einigen schlechten Nachrichten haben mich körperlich als auch mental zusammenbrechen lassen. Ich fühle mich als könnte ich diesen Flug nicht überstehen – die Übelkeit zusammen mit meinen  Magen-Darm-Problemen lassen mir keine ruhige Minute. Meine Beinen sind wie Wackelpudding, weil ich seit Wochen nicht normal essen konnte. Ich würde sagen, dieser Tag ist auch für meine Verhältnisse ein absoluter Tiefpunkt im Leben mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom (EDS).

Da ich mich emotional nicht gewappnet für böse Blicke oder Sprüche fühle, verzichte ich auf den Rollstuhltransport zum Gate.

Und ich beschließe auch das Preboarding für Menschen mit Behinderungen auszulassen und stattdessen lieber zu versuchen in der Menge unterzugehen und keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich weiß, ich würde vermutlich in Tränen ausbrechen, müsste ich nur einen unfairen Kommentar hören. Lieber quäle ich mich durch Security und normales Boarding, nur um nicht gesehen zu werden.

Ich bin glücklich als endlich meine Boardinggruppe aufgerufen wird.

Jeder Schritt heißt ein Stückchen näher an meinem Bett zu sein und mich ausruhen zu können. Ich muss nur noch diesen Flug überstehen und dann kann ich zusammenbrechen. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, schießt ein offensichtlich spät erschienener Passagier durch die Reihe der leeren Boarding-Gruppe 3 und zwingt mich zum Anhalten. Ein Raunen, gefolgt von Augenverdrehen, geht durch die Runde hinter mir.

Doch ich habe gelernt, auch dann noch ein Lächeln aufbringen zu können, wenn ich mich eigentlich gar nicht danach fühle;

Ich versuche möglichst geduldig und freundlich mit meinen Mitmenschen zu sein und daran halte ich mich auch heute. Eines hat mir meine Krankheit beigebracht: Man weiß nie, wie es dem Gegenüber geht. Die Person hat möglicherweise einen viel schlimmeren Tag als ich und verdient es nicht angemotzt zu werden, nur weil man sich selbst nicht gut fühlt.

Somit habe ich mich zusammengerissen, ein sicher etwas gequältes Lächeln aufgelegt und freundlich gesagt, er solle doch vorgehen, schließlich wäre er sowieso vor mir gewesen. Er erwiderte mein Lächeln und meinte, das wäre sehr nett, aber er wolle wirklich nicht alle Passagiere hinter mir verärgern.

Er blickte mir in die Augen und in dem Moment hatte ich das Gefühl, er würde mir direkt in die Seele sehen können.

Als würde er genau wissen, wie schlecht ich mich gerade fühle und wie wahnsinnig ich mich zusammenreiße. Er fragt mich: „Und wie ist dein Tag denn heute?“

Normalerweise erwidere ich auf diese freundlichen, aber selten wirklich ernst gemeinten amerikanischen Floskeln einfach nur ein „passt schon“ oder „gut“.  Doch dieses Mal hatte ich das Gefühl dieser Mensch würde die Frage tatsächlich ernst meinen und mir stiegen Tränen in die Augen. Ich hatte auch nicht die Energie für eine Lüge und antwortete einfach: „Ich habe ein paar harte Tage hinter mir.“ Er lächelt wieder und meint, das tue ihm leid und er hoffe, das würde bald besser.

Ich weiß für die meisten Menschen würde diese Konversation nicht viel bedeuten.

Viele würden sie vermutlich direkt wieder vergessen, doch für mich rettete dieser Mensch den Tag und half mir den Flug zu überstehen. Diese kleine, ernst gemeinte Aufmerksamkeit unter den sonst relativ ignoranten Mitreisenden hat mir wirklich viel bedeutet.

Deshalb sollte jeder im Kopf behalten, dass solche für uns oft unwichtig erscheinenden Gesten für einen anderen Menschen möglicherweise etwas ganz Großes bedeuten.

Habt ihr Lust mehr meiner Beiträge zu lesen?

Dann schaut hier.

Wusstet ihr dass ich Filme rund um die Themen chronische Krankheit und Behinderung produziere?

Schaut euch meine Kurzdokumentarfilme an.

2 Kommentare
  1. Bettina Kwanka sagte:

    Liebe Karina, ich melde mich jetzt mal hier, weil ich eigentlich die Beiträge ausdrucken möchte, um sie besser lesen zu können (finde dieses layout sehr anstrengend), aber die Druckerfunktion geht nicht und der Text lässt sich auch nicht markieren und in Word reinkopieren zum Druck. Kannst du mir da einen Tipp geben, wie sich das Problemchen beheben lässt?

    Antworten
    • karinabutterfly sagte:

      Hallo Bettina,

      kurz als Erklärung für alle: diese Seite hat einen Kopierschutz um eure Beiträge und Fotos zu schützen. Deshalb geht das mit dem kopieren auch nicht.

      Allgemein ist es aber für Safari Browser Nutzer nicht nötig Beiträge zu kopieren. Wer Probleme mit der Schrift hat kann einfach oben in der Webadresszeile links daneben auf das Symbol Reader gehen und ein Beitrag erscheint deutlich lesbar.

      Gruss

      Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.