von Karina Sturm

Vor nun schon sechs Jahren begann eine lange Zeit voller Krankheit für mich, die mich oft vor große Hürden stellte. Während der Zeit der Diagnosefindung war ich häufig so viel mit meinen eigenen Problemen beschäftigt, dass ich die wichtigen Dinge des Lebens einfach nicht sah. Mit all der Belastung, die durch das Nichtwissen was mit mir los war entstand, zerbrachen Freundschaften und letztendlich auch meine damalige Beziehung.

Ganz im Gegensatz zu der normalen Reaktion auf ein solches Ereignis, nämlich Trauer und Liebeskummer, war ich erleichtert. Erleichtert, dass ich mich nicht mehr selbst schlecht fühlen musste, weil ich nicht mehr die Freundin war die ich bei unserem Zusammenkommen war. Erleichtert darüber, dass ich mich endlich nicht mehr zusammenreißen und nicht die starke Frau spielen musste.

Doch mit der Erleichterung kamen auch die Zweifel.

Hatte ich einem Partner denn überhaupt etwas zu bieten?

War ich es denn überhaupt wert geliebt zu werden?

In dieser Zeit wusste ich selbst gar nicht mehr wer oder was ich sein wollte. Wie sollte ich, in diesem Zustand in dem ich irgendwo zwischen zwei Welten lebte, denn eine ebenbürtige Partnerin sein?

Wie könnte mich jemand lieben, wenn ich mich gerade nicht einmal selbst leiden konnte?

Es fiel mir unendlich schwer zu akzeptieren, dass ich sämtliche Aktivitäten von früher nicht mehr weiter ausüben konnte. Da war kein Sport mehr, ich konnte nicht mehr arbeiten, ich schaffte es nicht mal mehr viel aus dem Haus. Ich vermisste die Natur, Ballsportarten und letztendlich auch meine Freunde.

Ich war einerseits wütend darauf verlassen worden zu sein, andererseits war ich gleichzeitig auch wütend auf mich, weil ich natürlich einen großen Anteil am Ende der Beziehung hatte. Wie zerrissen wusste ich nicht ob ich überhaupt traurig sein durfte, hatte ich das Ende doch herbeigesehnt. Endlich musste ich nicht mehr auf den Moment warten an dem ich alleine war, jetzt war ich es. Nun konnte ich ganz von Vorne anfangen mich neu kennenzulernen und einen Weg finden mit mir und meinem neuen Leben glücklich zu werden.

Ich musste herausfinden was ich eigentlich noch konnte und worüber, wenn nicht meine Arbeit, ich mich definieren konnte. Was ich außer MTA oder Sportlerin sein denn sonst noch zu bieten hatte. Es war unglaublich traurig festzustellen welche Chancen ich vor der Krankheit einfach ausgelassen hatte, welche Möglichkeiten ich nie genutzt hatte und wie oft ich sagte: „dafür habe ich gerade keine Zeit“. Fast zerbrach ich an den Gedanken darüber, wie viel Lebenszeit ich vergeudet hatte, ganz ohne guten Grund.

Plötzlich hatte sich alles verändert und irgendwie war ich nicht mehr die Alte, aber auf der anderen Seite dann doch. Ich stand zwischen dem wie ich sein wollte und dem wie ich sein konnte; zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und ich wusste nicht wie ich mich weniger zerrissen und wieder mehr zufrieden mit mir selbst fühlen konnte.

Über die kommenden Monate, die ersten Single-Monate seit ich 18 Jahre alt war, probierte ich allerhand einfacher Aktivitäten aus. Von Kreativem über Handwerkliches. Langsam entdeckte ich, dass ich doch viel mehr war als nur krank und dass ich im Stande war mich immer wieder neu zu erfinden. Mit der zunehmenden Selbstsicherheit fühlte ich mich wieder bereit für einen neuen Lebensabschnitt, einen neuen Mann.

Doch diesmal wollte ich alles anders machen. Ich wollte aufhören der Vergangenheit nachzutrauern und mich ganz neu präsentieren. Ich wollte, dass mein zukünftiger Partner sich gar nicht erst fragt wie ich wohl früher war, sondern direkt den neuen Menschen kennenlernt, einen Menschen der der Krankheit trotzt und sich nicht unterkriegen lässt.

Wie das Leben so spielt, hat das natürlich nicht funktioniert, denn ich kannte meinen neuen Partner schon aus Zeiten lang vor meiner Krankheit.

 

Liebe und Partnerschaft mit chronischer Krankheit

Liebe und Partnerschaft mit chronischer Krankheit

Es wäre gelogen zu sagen, dass eine Beziehung mit einer chronischen Erkrankungen genau läuft wie eine in der beide Partner gesund sind. Wie sollte das auch? Zusätzlich zu den beziehungstypischen Streitpunkten kommen noch einige Faktoren hinzu mit denen manche Paare ihr Leben lang nicht in Berührung kommen. Neben finanziellen Problemen und Zukunftsängsten muss man sich auch mit den akuten Krankheitsphasen auseinandersetzen, die eine Beziehung stark belasten können.

Beiden Partnern ist zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass nur eine kleine zusätzliche, unscheinbare, Variable sofort zu einer akuten Verschlechterung führen kann, die sich manchmal nach Monaten verbessert, manchmal aber auch dauerhaft bleibt. Mit dieser Ungewissheit über die Zukunft zu leben erzeugt große Spannung die manch eine Beziehung zerbrechen lässt. Zusätzlich ist es schwer für beide Seiten mit dem körperlichen Verfall umzugehen der unweigerlich immer wieder eintritt. Ständig steht man vor der Herausforderung seinen Alltag zwar hoffnungsvoll in die Zukunft zu planen, aber auch nicht zu viele Termine zu vereinbaren, wohlwissend das Anstrengung schlecht toleriert wird.

Für mich ist es auch heute, sechs Jahre nach akutem Beginn meiner Erkrankung, sehr schwer mit Verschlechterungen umzugehen und in besseren Phasen nicht direkt zu übertreiben. Ich sehe es als meine Pflicht an, wenn ich schon nicht zum finanziellen Wohlbefinden unserer Beziehung beitragen kann, zumindest den Haushalt so gut ich kann zu bewältigen. Doch an manchen Tagen geht selbst das nicht und das sind die schweren Belastungen der Beziehung. Zu sehen, dass ich gerade zu nichts mehr beitragen kann, nimmt mir häufig den Mut und als Reaktion werde ich wütend. Wütend auf mich, meinen Körper und auf mein Leben. Und wie es so oft ist, bekommt diese Launen meist die Person ab die am wenigsten dafür kann – der Partner.

Kleinigkeiten können zu großen Herausforderungen werden, wie der wöchentliche Einkauf, das abendliche Kochen oder die Wochenendaktivität. Ständig versucht eine möglichst normale Beziehung zu führen überschreitet man so manche Grenzen.

Doch was ist schon Normal? Wer definiert denn wie eine Beziehung auszusehen hat?

Ich kann nur sagen, seit ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass wir eben nicht sind wie alle Anderen und dass das auch gar nicht schlimm ist, geht es mir sehr viel besser. Natürlich kämpfe ich nach wie vor damit gesellschaftliche Vorgaben zu ignorieren. Doch am Ende zählt nur eine Sache: Das zwei Personen glücklich sind mit deren Beziehungsmodell und nicht was Außenstehende, größtenteils selbst nicht betroffene Menschen sagen.

Mittlerweile habe ich gelernt, Bedürfnisse und Probleme ganz klar zu formulieren und nicht wie früher einfach stillschweigend die Einkaufstüten zu tragen, wohlwissend dass mich das für die restliche Woche komplett aus der Bahn werfen wird. Die urteilenden Blicke und Kommentare anderer Menschen auszublenden fällt mir auch heute noch schwer, doch ist es deutlich wichtiger, dass ich mich körperlich schütze, als auf die ein oder andere mentale Belastung durch Fremde zu verzichten.

Ich kann jedem in ähnlichen Situationen nur raten, sein ganz eigenes Beziehungsmodell zu finden. Selbst für Menschen mit gleicher Krankheit kann das völlig anders aussehen. Wie man mit den täglichen Belastungen und Einschränkungen umgeht hängt von jedem individuell ab und kein anderer sollte da seinen Senf dazu geben dürfen. Lasst euch nicht drängen, sondern macht was für euch gut ist.

Der für mich wichtigste Schritt dieses Ziel zu erreichen war wohl die Tatsache, dass ich gelernt habe mich zu mögen und zu akzeptieren. Zu wissen, dass ich immer, was auch kommen mag, das für mich Beste aus meiner Situation machen werde und mich nie aufgebe, auch wenn die Situation noch so aussichtslos erscheint. Mehr als das kann eigentlich niemand von uns verlangen.

 

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