Michael Projekt Sehenswürdigkeiten

”Papa, du nervst mich. Jetzt such dir endlich eine Beschäftigung. Mach doch ein paar Bilder”, sagt der 17-jährige Jonas, der auf der Krebsstation im Krankenhaus liegt, zu seinem Papa Michael. 2009 wird bei Jonas ein Gehirntumor festgestellt und eine zehnstündige Operation folgt. Wochenlang weicht Michael nicht von der Seite seines Sohns, dann greift er zur Kamera.

Er streift durch das Krankenhaus und fängt an die Menschen auf der Krebsstation abzulichten. ”Jeder Mensch ist wunderschön”, sagt der gelernte Krankenpfleger. Der 52-jährige, der bislang nur als Hobby fotografiert hatte, merkt schnell: Mit seinen Fotos kann er mehr erschaffen, als nur das reine Bild eines Menschen. Er kann Mut zusprechen und zeigen, wie schön jeder Mensch ist – gesund oder krank. ”Ich habe schnell gemerkt, dass man den Patienten über die Porträts tief in die Seele blicken kann und das hat mich beeindruckt,” sagt Michael. 

Michael sitzt in einem roten Ledersessel und spricht zu seinem Projekt "Sehenswürdigkeiten"

Michael auf seiner Konzertlesung zum Projekt „Sehenswürdigkeiten“.
Bild: Mirko Christmann

Wenn das Leben Farbe verliert”

Der geborene Hamburger initiiert sein erstes Projekt: ”Wenn das Leben Farbe verliert”, in das er über die nächsten fünf Jahre viel Geld und Schweiß steckt. Doch nur ein Zufall macht seine Idee 2014 zum Selbstläufer. Auf einem Fest in Bad Segeburg lernt er eine junge Frau kennen, die in der Vergangenheit zwei Schlaganfälle hatte. Nicht nur nimmt sie selbst an der Porträtreihe teil, sie vermittelt Michael zusätzlich weitere Models.

Am Stuttgarter Kirchentag 2015 stellt Michael seine Bilder aus.

Nur ein Jahr später stellt Michael seine Bilder am Kirchentag in Stuttgart aus. 

”Es war so beeindruckend, wie die Gäste auf die Models zugegangen sind und was für Gespräche zustande kamen”, erzählt Michael von seiner ersten großen Ausstellung. Unter dem Motto ”barrierefrei” besuchen 35.000 Menschen die Veranstaltung. ”Die Resonanzen waren größtenteils positiv“, reflektiert Michael.

”Sind Sie das da auf dem Bild?“, fragt einer der Besucher den Porträtierten, der direkt neben dem Bild steht.

”Ja, das bin ich”, entgegnet er.

Zielstrebig geht der Ausstellungsgast auf das Model zu und umarmt ihn mit den Worten: ”Ich find’ Sie toll!” 

Michael ermutigt seine Models ihre Narben, Krankheit, oder Behinderung offen zu zeigen. Weil es völlig normal ist – oder sein sollte. 

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren sitzt auf dem Boden und lächelt in die Kamera. Sie trägt eine hellbraune Jacke, Jeans und rote Highheels

Jana hat eine seltene Lebererkrankung, die zu einer Transplantation eines Spenderorgans führte.
Bild: Michael Kröning

Die Reaktionen der Models sind meine Bezahlung.”

Nicht nur die meisten Besucher, auch die Models sind überwältigt von ihren Bildern. Manche fangen an zu weinen und sagen: ”Ich wusste ja gar nicht, dass ich so hübsch sein kann.” Michael reagiert darauf mit Zuspruch, macht Komplimente und ist überzeugt: ”Jeder Mensch ist eine Sehenswürdigkeit. Denn die Persönlichkeit des Models ist es, was ein Porträt ausmacht.” Er findet bei jedem Model ”das eine Bild”, wie er es nennt; sein perfektes Foto, auf dem einfach alles stimmt: die Stimmung zwischen Model und Fotograf, die Einstellung, das Licht.

Geld nimmt er für seine Arbeit aus Prinzip nicht. Sein Gewinn sind die strahlenden Augen der Menschen, die er fotografiert.

Ein junger Mann mit braunen Haaren sitzt in einer Holzhütte mit einem Bier in der Hand und lächelt. Er trägt Lederhosen und ein rot-weiß kariertes Hemd.

Jonas lebt mit einem Tumor des Hirnstamms, dem Astrozytom.
Bild: Michael Kröning

Berührungsängste hat Michael bei seiner Arbeit nicht.

”Ich behandle jeden gleich. Das ist es, was Inklusion für mich bedeutet.” Ob jemand im Rollstuhl fährt oder auf beiden Beinen läuft, spielt für Michael keine Rolle. Auf die Frage, wie es für ihn ist, mit chronisch kranken Menschen zu arbeiten, antwortet er fast entrüstet: ”Diese Menschen sind für mich keine Kranken, sie sind ganz besondere, aufregende und tolle Menschen, wie du und ich.” Wenn Michael von seinen Shootings mit den Models spricht, redet er ohne Pause, hat dabei kaum Zeit zu atmen, gestikuliert viel und lächelt durchgehend. Es ist Michael’s Offenheit, die ansteckend ist.

Eine Frau mit braunen, gewellten Haaren, einer Brille und einem weißen Shirt lächelt.

Durch einen Reitunfall ist Kerstin halbseitig gelähmt.
Bild: Michael Kröning

”Klar gibt es auch Herausforderungen”, sagt Michael. 

Mittlerweile hatte er über 50 Models vor der Kamera. Doch es gab ein Erlebnis, das ihm bis heute zusetzt. Kurz vor dem Shooting erfährt eines seiner Models, das sie Blutkrebs hat. Eine ganz akute Situation, in der nur ein Stammzellspender die rettende Lösung sein konnte. ”Das war ein ganz anderes Gespräch als geplant!”, erzählt Michael. Trotzdem entscheiden die beiden sich dazu, die Bilder zu machen. Im Anschluss organisiert Michael’s Kirchengemeinde eine große Aktion, über die ein passender Spender gefunden werden konnte.

Und auf andere Shootings bringen die Models Michael zum Lachen.

Michael’s drei kleine Falten am äußeren Augenrand erscheinen deutlich unter der dezenten schwarzen Brille, während sich gleichzeitig die Mundwinkel nach oben ziehen, als er von einem Shooting in Hamburg erzählt. Sein Model, eine Rollstuhlfahrerin, muss dringend zur Toilette. Michael bietet seine Hilfe an und begleitet sie dann in eine der barrierefreien Kabinen in einem Einkaufszentrum. ”Unvorstellbar, wie die Leute geschaut haben, als wir zusammen aus der Toilette kamen”, erzählt Michael von diesem Moment. ”Hey Schatz, du warst klasse!”, kontert das Model sofort. Und damit lassen beide die sprachlosen Zuschauer zurück.

Eine Frau mit kurzen, schwarzen Haaren sitzt auf einem braunen Pferd und lächelt

Mariella lebt mit Glieder-Gürtel-Muskel-Dystrophie, einer genetischen Erkrankung, die zu fortschreitender Muskelschwäche führt.
Bild: Michael Kröning

Auch privat ist Michael Gentleman durch und durch.

Michael ist immer elegant, leger gekleidet: Ein weißes Hemd, eine graue Jeans und ein karierter Schal um den Hals. Die Haare raspelkurz, wirkt der 52-jährige jung und extrovertiert. Wenn er mit seiner Frau Gitta, die er seinen Lottogewinn nennt, einkaufen geht, hilft er auch gerne anderen weiblichen Kunden weiter. ”Manchmal kleide ich eine ganze Abteilung ein”, sagt Michael und lacht.

Die Arbeit mit Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen hat Michael verändert.

”Früher war ich getrieben von meinem Beruf. Ich dachte ständig nur an das Morgen, das Übermorgen, mein Wochen- und Monatsbudget”, erzählt Michael mit gesenktem Blick, die Stirn gerunzelt. Durch die Models und die Erkrankung seines Sohnes hat er gelernt, das Hier und Jetzt wahrzunehmen. ”Ich kann die selbstverständlichen Dinge, wie die klare Abendluft einzuatmen, zu lachen, jemanden in den Arm zu nehmen, viel mehr genießen.”

Ein Mann mit Brille und hellbraunen Haaren in seinem Rollstuhl post für die Kamera. Auf seinem Schoß ist ein Motorradhelm. Er trägt ein weißes Hemd, Jeans und braune Sportschuhe

Oliver ist seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt.
Bild: Michael Kröning

In der Zukunft hat Michael Großes vor.

Es steht bereits fest, dass Michael auch am Kirchentag 2019 wieder ausstellen wird. Zusammen mit mindestens drei Models soll eine weitere Konzertlesung stattfinden, um den Zuschauern einen noch tieferen Einblick in das Leben mit chronischen Krankheiten und Behinderungen zu geben. 

Michael blickt zur Seite, zögert etwas und verrät seinen größten Wunsch: ”Ich möchte einmal in einer großen Galerie ausstellen und selbst nur ein passiver Teilnehmer sein.” Seine Arbeit ist für Michael mittlerweile viel mehr als nur ein Projekt. Heute weiß er immer wenn er abends ins Bett geht: er hatte einen guten Tag.

 

 

Möchtet ihr mehr über Michael erfahren oder gar selbst vor der Kamera sein? Dann besucht seine Website: 

https://len-art-fotografie.jimdo.com

 

2 Kommentare
  1. Manuela Schneider sagte:

    Super Artikel, great pictures. Es ist gut zu wissen, dass jemand endlich Bilder von uns zeigt in all unsere Stärke immer noch lächelnd. Es gibt die schönen Momente, man muss sie spüren,suchen oder eben gezeigt bekommen.

    Antworten
    • karinabutterfly sagte:

      Hallo meine Liebe, ja, Michael ist ein großartiger Fotograf. Soweit ich weiß sucht er immer nach Models. Also wenn du mal Lust hast schau doch auf seiner Website vorbei. :)
      Gruß,
      Karina

      Antworten

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