Medizinisches Marihuana

 

Mein Leben mit medizinischem Marihuana

von Karina Sturm

Ein angenehmer Duft strömt mir entgegen. Der freundlich lächelnde Mann mit dem Vollbart nimmt meine Karte entgegen und begleitet mich in den Wartebereich. Ich lasse mich in den braunen Ledersessel fallen und bewundere die Ornamente an der Wand. Ob ich einen Kaffee möchte, werde ich gefragt. „Nein, danke“, antworte ich unsicher. Ich blicke mich um. Hinter eleganten Holztheken stehen Mitarbeiter, die gerade andere Menschen bedienen. Kleine Fläschchen werden in Tüten verpackt, vom Käufer entgegen genommen und verschwinden in der Tasche. Zu meiner Linken sitzt eine ältere Dame mit Rollator, zu meiner Rechten macht ein Mann mit löchriger Kleidung ein Nickerchen. Die vier überwiegend jungen Leute hinterm Tresen strahlen förmlich von innen und holen einen Wartenden nach dem anderen persönlich aus den bequemen Sesseln.

Was klingt wie ein Wartezimmer in einer Privatarztpraxis ist eine Dispensary in San Francisco – eine Apotheke für Cannabis-Produkte. Kaum in einem anderen Staat der USA sind die Gesetze zu medizinischem Marihuana so locker, wie in Kalifornien. In diesen Apotheken kann jeder einkaufen, der eine Erlaubnis dafür hat und die gibt es für rund 100 Dollar bei extra dafür ausgebildeten Ärzten. Noch vor wenigen Jahren habe ich mich selbst gegen die Einnahme von Ibuprofen gesträubt und doch sitze ich heute hier: Im Wartebereich einer Dispensary, in der Hoffnung etwas zu finden, das mir Linderung verschafft.

Vor sieben Jahren wurde mein Leben einmal auf den Kopf gestellt. Ich wurde schwer krank und über vier Jahre lang suchte ich mehr als 50 Ärzte auf – ohne Erfolg. Keiner konnte die Ursache meiner diffusen Symptome aufdecken. Schmerzen an sämtlichen Gelenken, Muskeln und sogar Nerven quälten mich fast täglich. 2014 dann die erlösende Diagnose: Ich litt an einer seltenen Erkrankung des Bindegewebes, dem Ehlers-Danlos-Syndrom, das meinen ganzen Körper betraf, vor allem aber die Gelenke. Diese sind überbeweglich, was zu ständigen Entzündungen und starken Schmerzen führt. Nun konnte ich mich nicht mehr gegen die Einnahme von Schmerzmitteln wehren. Doch alle Medikamente haben Nebenwirkungen – Schmerzmittel, je nach Klasse, sogar ganz erhebliche. Jahrelange hohe Dosen Ibuprofen und andere sogenannte NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika) zwangen meinen Magen in die Knie. Schon beim Gedanken an die tägliche Ibu-Dosis wurde mir schlecht. Viele andere ausprobierte Schmerzmittel wirkten gar nicht, was die Ärzte dazu bewegte mir zur Einnahme von Opiaten zu raten. „Ich bin doch erst 30!“ war meine Reaktion. Wie konnte ich in diesem Alter schon harte Betäubungsmittel zu mir nehmen? Hinzu kam, dass ich durch meine Grunderkrankung eine Reihe von Folgeproblemen entwickelt hatte, die mir eigentlich keine Einnahme von Opiaten erlaubten. Es galt abzuwägen: Schmerzlinderung versus extreme Nebenwirkungen durch die Opiate. Eine Lose-Lose-Situation für mich und wenig akzeptabel. Doch dann zog ich nach San Francisco und plötzlich öffneten sich ganz neue Türen. Mit meinen Erkrankungen hatte ich weit mehr als eine der benötigten Voraussetzungen für die Cannabis-Karte und ohne zu wissen, worauf ich mich einließ, begab ich mich kurz darauf in die wohl schickste Marihuana-Apotheke der Stadt.

Aufrecht in meinem Sessel sitzend, wippe ich in schnellen Intervallen mit meinem rechten Bein auf und ab. Das mache ich immer, wenn ich mich unwohl fühle oder nervös bin. Parallel dazu zupfe ich an meinen Lippen. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das gerade dabei ist etwas anzustellen und sich dessen voll bewusst ist. Genau wie damals, als ich drei war und einen Kaugummiautomatring bei Bekannten mitgehen habe lassen. Das schlechte Gewissen war mir ins Gesicht geschrieben und meine Eltern mussten mich nicht einmal fragen, was ich Verbotenes getan hatte, denn schon damals platzte es einfach aus mir heraus. Heute, 27 Jahre später, fühle ich mich genau wie an diesem Tag. Und das, obwohl ich etwas absolut Legales tue. In Kalifornien ist der Gebrauch von Cannabis normal. Sogar so normal, dass man fast an jeder Straßenecke jemanden einen Joint rauchen sieht. Wenn diese Leute böse Blicke ernten, dann nicht wegen dem Marihuana, sondern weil Rauchen allgemein eher verpönt ist. Trotzdem fühle ich mich komisch.

Medical marijuana to treat Ehlers-Danlos pain

Meine vorurteilsbehaftete Meinung von Menschen, die Cannabis nutzen, hat sich schon in der Jugend verfestigt. Sprüche wie: Marihuana ist eine Einsteigerdroge; sowas machen nur Junkies; oder die allgegenwärtige Frage: „Willst du enden wie XYZ (füge wahllos einen Namen des schwarzen Schafs in der Familie ein)?“, haben sich so in meinem Bewusstsein eingebrannt, dass ich am liebsten wieder aufstehen und gehen will. Verruchte Gestalten in dunklen Straßenecken mit Schlafzimmerblick sehe ich hier aber nicht wirklich. Ich überwinde mich zu bleiben.

Man reicht mir eine Menükarte. Eine schier unüberschaubare Auswahl an medizinischen Produkten, die ich erwerben kann, sind zusammen mit den Preisen aufgelistet. Verschiedene Stämme, Dosierungen und vor allem: Verabreichungsformen. Soll heißen: Gummibärchen, Cookies, Lollies, Tropfen, Joints und vieles mehr kann ich hier kaufen. Nach wenigen Minuten bin ich an der Reihe. „Hi Karina, mein Name ist … und ich betreue dich heute. Wenn du mir bitte folgen würdest“, werde ich begrüßt und an die Holztheke begleitet. Wie man mir helfen könne? Mit großen Augen blicke ich ihr entgegen und sage: „Ich brauche bitte etwas gegen schwere, chronische Schmerzen am ganzen Körper.“ Ich erwarte, dass sie, wie die meisten Ärzte und Apotheker, mit meinen komplexen Beschwerden überfordert ist. Doch ich lag komplett daneben. Die Mitarbeiterin fängt sofort an, mich umfangreich zu beraten und zitiert Studien. Sie erklärt mir, ich solle erst einmal mit einer 4:1 CBD:THC Konzentration anfangen und in der niedrigsten Dosierung. Ich entscheide mich für Tropfen, die unauffällig aussehen und einfach zu handhaben sind. Weil ich heute zum ersten Mal ein Kunde bin, bekomme ich zur Begrüßung ein Geschenk: zwei Gummibärchen, die wohl eher weit von Kindern entfernt aufbewahrt werden sollten. Das nette Begrüßungsgeschenk brauche ich eigentlich gar nicht, denn es enthält mehr THC als CBD und nichts liegt mir ferner als high zu werden, weshalb ich keine Präparate mit hohen THC-Gehalt einnehmen will.

Ich bezahle und amüsiere mich darüber, dass auf der Rechnung nirgends zu identifizieren ist, was ich gekauft habe. Alles ganz diskret. Ich packe meine Tropfen in meinen Rucksack und fahre auf dem schnellstmöglichen Weg nach Hause. Während der ganzen Fahrt bin ich besorgt, von der Polizei aufgehalten zu werden, bis ich mich wieder erinnere, dass ich ein Medikament bei mir trage und nicht gerade eine illegale Droge von einem Dealer gekauft habe.

Es dauert eine weitere Woche, bis ich mich endlich traue die Tropfen einzunehmen. Die Angst davor komisch zu reagieren, high zu werden oder sonst wie auszuflippen ist groß. Ich will schließlich eine alleinige schmerzlindernde Wirkung. Als nach zehn Minuten die Schmerzintensität deutlich zurückgeht bin ich überrascht. „Du bist ja so doof, das hättest du schon früher haben können!“, schimpfe ich mit mir im Geiste. Seit diesem Tag nehme ich meine Tropfen regelmäßig ein. Ich habe keinerlei Nebenwirkungen, kann die Tropfen absetzen, ohne irgendwelche Entzugserscheinungen, fühle mich deutlich fitter und schlafe besser.

Heute freue ich mich auf jeden Besuch in der Dispensary und schäme mich nicht dafür, Bekannten und Freunden zu erzählen, dass ich mich für medizinisches Marihuana zur Schmerztherapie entschieden habe. Viel mehr schäme ich mich dafür, dass ich über Jahre hinweg an Vorurteilen festgehalten habe, die falscher nicht hätten sein können.

Endlich sah ich dieses kleine Fläschchen für das, was es war:

Ein Medikament, das Menschen mit chronischen Schmerzen hilft. Schmerzen, die einfach jeden treffen können, wie die Diversität in der Dispensary klar zeigt: die 30-jährige mit der seltenen Krankheit, genauso wie die Omi mit Rollator.

Ein Medikament, das mir erlaubt im Alltag besser zu funktionieren; das mir hilft, mit den Schmerzen zu leben ohne wahnsinnig zu werden.

Und an dem nichts, aber auch gar nichts, verrucht oder schlecht ist.

Natürlich ist medizinisches Cannabis kein Wundermittel, aber es ist eine Chance für viele Menschen wie mich, ein besseres Leben mit chronischen Schmerzen zu führen.

 

Ich möchte eure Meinung hören!

 

Habt ihr bereits Erfahrung mit medizinischen Marihuana? Ja? Dann hinterlasst einen Kommentar und erzählt davon!

 

4 Kommentare
  1. Harald sagte:

    Ab und zu high zu werden, ist gar nicht so furchterregend, wie du es hier zu sehen scheinst. Ich nehme genau zu diesem Zweck alle zwei oder drei Monate mal THC, und das nicht unbedingt, um eine gute Zeit zu haben. Bei mir wirkt es bewusstseinserweiternd, und ich kann auf diesen “Trips” Erfahrungen machen, von denen ich viel über mich selbst lerne und die im Alltag sehr hilfreich sein können. Und ich bin über 50 und keineswegs ein schwarzes Schaf, andere schätzen mich als generell im Leben erfolgreich ein. Von einer Abhängigkeit bin ich weit entfernt. Mit Tabak musste ich aufhören, weil ich die Zigaretten nicht unter Kontrolle bekam. Mit Cannabis habe ich keinerlei Probleme.

    Schöne Webseite übrigens. Und alles Gute für dein weiteres Leben!

    Antworten
    • karinabutterfly sagte:

      Hallo Harald, entschuldige die späte Antwort, ich bin momentan etwas unfit.
      Das hast du glaube ich falsch verstanden. Ich habe keine Angst vor dem High sein. Das Problem in meinem Fall ist, dass ich ohnehin durch Brain Fog und Schmerz nicht sehr viel Konzentration zur Verfügung habe. Das heißt, ich habe täglich vielleicht 2-3 Stunden, in denen ich einigermaßen klar denken kann und Dinge erledigt bekomme. Meist ist das morgens. Wenn ich dann aber morgens ein Schmerzmittel nehme, dass mich auch noch high werden lässt und dadurch doch etwas benebelt, dann bekomme ich überhaupt nichts mehr geschafft. Es ist also keine Angst, als viel mehr eine Notwendigkeit damit ich mich konzentrieren kann. Eine höhere Dosis THC für Menschen die z. B. aufgrund des Schmerzes nicht Schlafen können, macht auch Sinn. Aber für mich, wo ich die Tropfen tagsüber zur Schmerzstillung brauche, geht high sein halt überhaupt nicht.

      Ich bin da aber auch generell kein großer Fan davon. Ich finde Cannabis als Schmerzmittel super, aber habe persönlich halt nichts von einem high. Generell würde ich Cannabis auch nicht für andere Zwecke verwenden wollen als zur reinen Schmerzbehandlung. Aber jeder wie es im gut tut. :)

      Gruß,

      Karina

      Antworten
      • moep sagte:

        Hallo,
        ich nehme insgesamt wesentlich mehr THC als CBD zu mir und habe kein wirkliches high, höchstens ab und zu etwas Euphorie und Vergesslichkeit. War aber bei “Standardmedikamenten” auch nicht anders und meine neurologische Erkrankung selbst beeinträchtigt ebenfalls meine Wahrnehmung und Erinnerungsvermögen.
        Höhere Dosen THC nehme ich vor dem Schlafengehen und niedrigere über den Tag verteilt, ab und zu etwas CBD um die Verträglichkeit zu steigern.
        Ach ja, jetzt bin ich dank Cannabis berufstätig und aktiv, wenn ich auch noch manchmal mit Symptomen zu kämpfen habe.

        LG

        P.S.: Du wohnst überraschenderweise extrem nahe bei mir :)
        Vielleicht willst du dich ja mal austauschen?

        Antworten
        • karinabutterfly sagte:

          Hallo Moep (interessante Namenswahl),
          Euphorie und Vergesslichkeit fände ich in meinem Fall schon ein Problem und würde ich auch nicht wollen. Ich habe mehrere verschiedene Konzentrationen ausprobiert und festgestellt das die beste Schmerzstillung bei 1:1 eintritt. Alles andere bringt mir nicht viel. Ist das THC zu hoch, werde ich extrem müde, was wirklich nicht hilfreich ist. Insofern gibt es für mich schlichtweg keinen Grund die THC Konzentration zu erhöhen, da ich die optimale Wirkung damit nicht erreiche. Zu hohe THC-Dosen entspannen meine Muskulatur, was für mich mitunter sogar gefährlich sein kann. Es gibt daher mehrere Gründe weshalb ich meine Medikamente nehme, wie ich sie nehme. Und ich denke das muss am Ende jeder von uns anhand seiner Erkrankung mit dem jeweiligen Arzt diskutieren. Von Berufstätigkeit und aktiv sein bin ich nach wie vor relativ weit entfernt, aber zumindest habe ich weniger Schmerzen und kann mich dadurch natürlich auch mehr bewegen, länger konzentrieren und mehr am “normalen” Alltag teilnehmen. Ich denke was man aus all den Kommentaren sehen kann ist das Cannabispräparate tatsächlich für manche Schmerzarten bzw. Erkrankungen eine echte Alternative sein können.

          Ich lebe derzeit große Teile des Jahres in den USA (mein Mann arbeitet hier), aber wir können uns gerne austauschen, wenn ich wieder in der Heimat bin. Schreib mich dazu am besten privat an.

          Gruß,

          Karina

          Antworten

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