Von Karina Sturm.

In einer Serie von Blogbeiträgen erzähle ich von meinem neuen Leben in Quarantäne, dem ganz normalen Wahnsinn während einer Pandemie, der überraschenden Barrierefreiheit, die plötzlich auftaucht, als niemand mehr im Büro oder an der Universität sein darf, und wie ich mit der Angst rund um den Virus umgehe. In diesem ersten Teil der Serie berichte ich vom Beginn der Quarantäne in San Francisco. 

Das die Coronavirus-Pandemie so schnell eskaliert, hätte ich mir noch vor kurzer Zeit nie vorstellen können. Auch dass ich mal ein Teil von einem geschichtlichen Ereignis wie einer Pandemie werden würde, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Und trotzdem sitze ich heute, am 16. März 2020, auf meinem Sofa in San Francisco und weiß, die nächsten drei Wochen darf ich mein Haus nicht verlassen.

Etwas tun wollen.

Als ehemalige MTA, die sich lange Zeit gewünscht hat, irgendwann mit der Organisation ‘Ärzte ohne Grenzen’ im Ausland in genau solchen Situationen zu arbeiten, ist dieser Virusausbruch ein interessantes Phänomen. Ich fühle mich, als würde ich nutzlos zuhause herumsitzen, während so viele andere Menschen gerade auf Hochtouren arbeiten, um uns alle zu schützen oder im worst case im Krankenhaus zu behandeln. Ich wollte immer diese Person sein. 

Nichts tun sollen.

Doch aus der heutigen Sicht, der einer chronisch Kranken, die vielleicht oder vielleicht auch nicht zur Hochrisikogruppe gehört, waren die letzten Wochen nervenaufreibend und nur schwer zu verarbeiten. Die Straßen sind (zurecht) leer gefegt, mein Flug nach Deutschland für den 18. wurde abgesagt – ob ich mein Geld zurückbekomme ist unklar. Sämtliche Telefonleitungen zu Fluggesellschaften, Versicherungen und Ärzten sind überlastet. Die letzen drei Tage war ich für mehr als 15 Stunden in Telefonwarteschleifen gesessen und mittlerweile höre ich die Warteschleifenmusik im Schlaf. In den Supermärkten fehlen die seltsamsten Dinge, wie Toilettenpapier – wer braucht denn einen Vorrat Toilettenpapier für Jahre? In anderen Staaten bunkern Menschen Tausende Flaschen Desinfektionsmittel, um sich dann an der Furcht der Bevölkerung zu bereichern. Und viele Politiker nutzen das Chaos für ihre Agenda, anstatt sich um das Wohl der Menschen zu sorgen. 

Diese Pandemie scheint das Schlechteste aus vielen herauszubringen. 

Die Nachrichten über Leute, die im Supermarkt eine alte Dame umschubsen, um das letzte Klopapier zu bekommen, finde ich fast schlimmer, als die tatsächlichen Fakten zu COVID-19. Und als chronisch Kranke und potentiell gefährdete Betroffene kann ich gerade vieles von dem, was ich bräuchte, nicht bekommen, weil einzelne Gesunde alles aufkaufen. Diese Menschen verstehen nicht, dass es wenig hilft, wenn sie sich selbst die Hände waschen und desinfizieren können, aber die Mitmenschen, die sie treffen, nicht das selbe tun. Was am meisten bestürzt, ist der Gedanke, dass unser aller Wohlbefinden von so vielen ignoranten Menschen abhängt. 

“Aber ich bin doch gesunde und jung. Mir macht das nichts aus.”

Solche oder ähnliche Sprüche sehen wir viele auf Facebook oder Twitter. Und das erschüttert mich am meisten. Denn jeder dieser “jungen und gesunden” Menschen, die zu großen Teilen eine Infektion überstehen würden, könnten diesen Virus weiterverbreiten, an Menschen, die vielleicht nicht so glimpflich davon kommen. 

Diesen ignoranten Menschen möchte ich sagen: 

#StayTheFuckHome! Wenn nicht für uns Risikogruppen oder für eure Eltern, Großeltern, die kranke Tante oder den chronisch kranken Freund, von dem ihr vielleicht nicht mal wisst, das er krank ist, sondern auch für euch selbst! Denn jung und gesund sein, schließt weder Folgeschäden noch schwere Verläufe aus. 

Wieso ist an COVID-19 zu sterben die einzige Sorge?

Häufig höre ich auch: “Naja, selbst wenn ich das bekomme, dann überlebe ich schon.” Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Infektion überlebt ist derzeit ziemlich hoch, aber warum ist nicht daran zu sterben der einzige Faktor in der Rechnung? Niemand weiß, was für Folgeschäden eine Infektion nach sich ziehen kann. Manche Stellen sprechen von 20 Prozent weniger Lungenvolumen in schweren Verläufen. Ob diese Zahlen stimmen und was die wirkliche Sterblichkeitsrate ist, werden wir erst wissen, wenn wir die Pandemie überstanden haben. Aber warum würde man solche Konsequenzen leichtfertig in Kauf nehmen? Für chronisch Kranke ist die Situation noch verzwickter, denn wir reagieren oft schon auf harmlose Infekte mit schweren Symptomen und leben dann für Monate nach dem überwunden Infekt mit Folgen wie starker Müdigkeit und Schwäche. Wenn ich an meine letzte Influenza und die Monate danach zurückdenke, mag ich mir gar nicht ausmalen, wie die Corona-Folgen für mich wären. 

In meiner Stadt sind die Straßen mittlerweile leer. 

Für die meisten von uns chronisch Kranken ist Isolation ein Normalzustand. Ich merke den Unterschied nur daran, dass ich jetzt auch nicht zum Arzt kann, da ich dafür entweder ein Taxi oder die U-Bahn nehmen müsste und beides vermeide ich gerade. Mein Bewegungsradius hat sich insofern eingeschränkt. Alles was ich nicht zu Fuß gehen kann, fällt weg. Klar vermisse ich soziale Kontakt zu Freunden, aber wie die meisten Menschen in meiner Community nutze ich jetzt eben mehr Skype oder Telefon. Das Einzige was die Isolation erschwert, ist, dass sich nun auch nicht chronisch Kranke isolieren müssen und leider manchmal nicht besonders gekonnt verhalten und uns Kranken damit das Leben schwerer machen. 

Gestern habe ich versucht, Acetaminophen in der Apotheke zu kaufen. 

Acetaminophen (Paracetamol) ist der einzige Fiebersenker den ich vertrage und daher wollte ich gerne eine kleine Packung zuhause haben, falls ich oder mein Mann krank werden sollten. Aber das war völlig unmöglich. Meine lokale Apotheke hat am selben Tag eine Lieferung bekommen. Da ich vermeiden wollte zur Öffnung mit unzähligen Menschen vor der Tür zu stehen – das Gegenteil von Distanzierung – kam ich 90 Minuten später an. Zu der Zeit war alles Paracetamol bereits ausverkauft. Realistisch betrachtet, braucht niemand mehr als eine Packung für einen Infekt ohne einen Leberschaden zu riskieren, aber trotzdem kaufen die Menschen ganze Stapel, sodass andere gar nichts bekommen. 

Ab sofort nur noch online einkaufen.

Nachdem sich die Situation hier täglich weiter zuspitzt, haben wir beschlossen, ab sofort alle Einkäufe online zu tätigen. Das geht in unserer Stadt ganz gut, aber kostet deutlich mehr. Das Risiko mit all den Menschen für Stunden an der Schlange anzustehen, ist mir aber mittlerweile zu hoch. Und da blieb nur online shopping. Was das über  die Monate mit unseren Finanzen anstellt, werden wir sehen. Gerade geht es nur darum, eine Ansteckung so lange wie möglich herauszögern und zu hoffen, dass es bis dahin eine wirksame Behandlung gibt.

Mehr zu meinem neuen Leben in Quarantäne in Teil 2 aus dem Coronavirus-Wahnsinn in San Francisco. 

Passt auf euch auf! Und seid füreinander da (soweit das sicher möglich ist). Wenn die ganze Welt durchdreht, müssen wir chronisch Kranken zusammenhalten. Zumal wir stressige Zeiten und Isolation mehr gewöhnt sind, als jeder andere. 

Wie geht es euch in diesen schwierigen Zeiten?

Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

2 Kommentare
  1. Büsra sagte:

    Traurig, was da draußen aktuell passiert. Ich mache Homeoffice und fahre nur noch zur Arbeit, wenn es wirklich nötig ist. Arbeite in einer Kinderklinik heißt ich muss zur Arbeit wenn ich abgerufen werde. Im Notfall muss ich sogar als chronisch Kranke helfen Mundabstriche zu machen. Und das nur weil Menschen so ignorant sind und immer noch in Eisdielen sitzen oder sich in Gruppen treffen um Partys zu machen?! Ich hoffe, der Alptraum hat bald ein Ende! 😢 Passt auf euch auf und bleibt gesund!

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