von Karina Sturm

Als chronisch kranke Menschen gibt es nichts was wir öfter erleben als Ignoranz.

Ignoranz von Ärzten, die unsere Symptome kleinreden.
Ignoranz von gesunden Mitmenschen, die uns im Bus böse ansehen, weil wir nicht für die alte Dame aufstehen.
Ignoranz von Freunden, Bekannten oder Verwandten, die nicht verstehen können, weshalb wir die Dinge, die wir letzte Woche noch schafften, diese Woche nicht mehr können.

Ich und viele andere mit chronischen und vor allem „unsichtbaren“ Krankheiten kämpfen über verschiedene Wege für mehr Toleranz unserer Mitmenschen. Wir wollen verstanden werden und von unseren Mitmenschen rücksichtsvoll behandelt werden.

Doch wie tolerant sind wir selbst?

Wenn ich an die Tage zurück denke, in denen ich noch recht fit war, habe ich von allen anderen Menschen in meinem Umfeld genau den Einsatz erwartet den ich selbst auch brachte. Es gab entweder 100 Prozent oder gar nichts. Ich habe selbst nie gesehen warum andere Menschen möglicherweise nicht das tun können was ich doch auch kann. Ich schätze, ich war genau einer von diesen ignoranten Menschen. Man lernt dazu, aber meistens muss einem dafür selbst etwas ähnliches zustoßen.

Die Welt mit meinen Augen zu sehen ist schwierig, weil dazu Jahre an negativen Erfahrungen und Kampf nötig sind.

Es gab eine Zeit, am Anfang meiner Erkrankung, in der ich dachte jeder um mich herum müsste meine Krankheit und meine täglichen Probleme verstehen. Jeder gut gemeinte Ratschlag, jede Frage, die ich dachte ginge in die falsche Richtung, war für mich ein Angriff. Ich nahm alles persönlich und ging sofort in eine verteidigende Position. Aufgrund der schlechten Erfahrungen die ich hinter mir hatte, die Ärzte die mir nicht glaubten, die Menschen die mich faul nannten, prägten mein Leben und mein Verhalten auf eine sehr negative Weise. Ich hatte ein Problem Menschen zu vertrauen und sah immer nur das Schlechteste in jedem. All diese Verletzungen saßen sehr tief und waren immer präsent.

Was also erwarten wir von unserem Umfeld?

Wir erwarten, dass wir verstanden werden, doch teilen wir uns denn auch immer ausreichend mit?
Wir können nicht erwarten, dass unsere Mitmenschen Gedanken lesen. Um für Verständnis zu sorgen müssen wir ganz offen über unsere Gefühle und unsere Einschränkungen sprechen.

Ein weiteres Problem ist wie ich finde, dass wir sehr oft verletzt und gedemütigt wurden und deshalb Worte manchmal überbewerten. Wir fühlen uns angegriffen von einem „gute Besserung“ oder ähnlichen vermutlich gut gemeinten Floskeln.

Wir stellen selbst Berge an Regeln auf und es gibt Listen zu „was man nicht sagt zu jemandem mit…“ Bei all diesen, von uns selbst kreierten, Leitlinien können wir doch nicht wirklich erwarten, dass unser Gegenüber noch weiß, was es nun sagen darf und was nicht.

So wie diese plötzliche chronische Krankheit uns völlig unvorbereitet getroffen hat, so hat sie doch auch unser Umfeld gleichermaßen getroffen. Auch unsere Mitmenschen müssen sich auf unser neues Leben einstellen.

Sie lernen mit uns und sind unsicher wie sie reagieren sollen und wie sie mit uns umgehen müssen. Auf der einen Seite wollen wir keine Extrabehandlung, aber auf der anderen Seite gibt es Dinge bei denen wir eine Extrabehandlung benötigen.
Ich habe versucht in den Schuhen meiner Mitmenschen zu gehen und merkte schnell, dass unsere Ängste gar nicht so verschieden sind. Keiner weiß so recht mit der neuen Situation umzugehen, denn vieles hat sich geändert. Ich hatte mich so sehr verändert, dass ich selbst nicht mehr wusste, wie ich behandelt werden wollten. Wie konnte ich erwarten, dass jeder um mich herum es dann wusste?

Warum sind wir häufig so streng mit unserem Umfeld?

Sollten wir nicht allen Menschen genauso viel Toleranz entgegenbringen, wie wir sie uns für alle chronisch Kranken wünschen?

Müssen wir wirklich Regeln aufstellen und damit noch mehr Hürden zwischen uns und unserem Umfeld aufbauen?

Können wir nicht eine Floskel wie „gute Besserung“ mit einem freundlichem Lächeln annehmen, wohl wissend, dass wir nie wieder gesund sein werden, aber dass es doch einen Funken Hoffnung für eine Besserung gibt?

Ich habe aufgehört mich darüber aufzuregen, wenn mir jemand einen Ratschlag dazu gibt, wie ich doch wieder gesünder werden könnte oder wenn mir jemand sagt „das wird schon wieder“, denn ich sehe, dass viele Menschen mit meiner Krankheit genauso überfordert sind wie ich selbst. Sie wissen einfach nicht was sie sagen sollen und meinen solche Aussagen nicht böse.

Ich denke Toleranz beruht auf Gegenseitigkeit. Wir werden keine Toleranz entgegengebracht bekommen, wenn wir Menschen vor den Kopf stoßen, für einen gut gemeinten Wunsch.

Es ist sehr wichtig unser Umfeld für unsere Erkrankungen zu sensibilisieren, aber ist es wirklich notwendig all diese Yays und Nays aufzustellen? Müssen wir uns von allem angegriffen fühlen?

Ich arbeite immer noch hart daran die wenigen ignoranten Menschen auszublenden und konzentriere mich darauf Menschen wieder zu vertrauen und zuzutrauen, dass sie meine Situation verstehen, wenn ich sie denn nur verbalisiere. Ich habe einen Weg gefunden, zwischen der großen Gemeinschaft chronisch Kranker und meinem gesunden Umfeld zu leben.

Und so lange meine Mitmenschen ehrlich und respektvoll mir gegenüber sind, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, versuche ich ihnen genau die gleiche Toleranz entgegenzubringen.

Ich glaube, dass unser Leben als chronisch kranke Menschen gar nicht so unterschiedlich ist zu dem Leben anderer, nicht kranker Menschen. Die Menschen um uns herum leiden mit uns und genau wie wir, lernen sie jeden Tag aufs neue den Umgang mit unserer Erkrankung.

Karina Sturm wünscht sich mehr Toleranz zwischen chronisch Kranken und Gesunden

Karina Sturm wünscht sich mehr Toleranz zwischen chronisch Kranken und Gesunden

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