Von Karina Sturm.

In einer Serie von Blogbeiträgen erzähle ich von meinem neuen Leben in Quarantäne, dem ganz normalen Wahnsinn während einer Pandemie, der überraschenden Barrierefreiheit, die plötzlich auftaucht, als niemand mehr im Büro oder an der Universität sein darf, und wie ich mit der Angst rund um den Virus umgehe. In diesem zweiten Teil der Serie erzähle ich von meinen Gedanken in Bezug auf die plötzliche Möglichkeit von Onlinestudiengängen, Telemedizin, Homeoffice und Nachbarschaftshilfe. 

Die Coronavirus-Pandemie hat die Gesellschaft in kürzester Zeit zum Hausarrest verdonnert. 

In nur wenigen Wochen waren Läden geschlossen, Restaurants nur noch für Takeout verfügbar und alle nicht essentiellen Arbeiter wurden nach Hause geschickt. Eine Situation, die für viele Menschen neu ist, doch die für chronisch Kranke fast zum Alltag gehört. Was mich allerdings am meisten überrascht und gleichzeitig verärgert hat, war wie schnell sämtliche Dienstleister, Universitäten, Ärzte und andere ihre Leistungen über Onlinekanäle anbieten konnten. Für Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen kann ein einfacher Onlineservice einen riesigen Unterschied in der Lebensqualität machen. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass die meisten Einrichtungen, sei es Universitäten oder Ärzte, eher unnachgiebig sind – selbst wenn man seine Situation erklärt und darauf hinweist, dass man mit einer Behinderung lebt. 

“Ein Fernstudium wegen Behinderung gibt’s nicht.”

Mehrmals habe ich euch davon erzählt, wie lange und hart ich nach einem passenden Studiengang für mich gesucht habe, der 100 Prozent als Fernstudium und online abzuschließen ist. Mit mehreren deutschen Universitäten habe ich darüber diskutiert, dass ein Fernstudium für mich zwingend notwendig ist, da für mich allein der Weg zu einer Uni Energie rauben würde, die ich dann nicht mehr in das Lernen investieren kann. Ich muss bequem sitzen oder liegen können, muss in der Lage sein zu studieren wann auch immer ich keine Arzttermine oder schlechten Tage habe und brauche daher große Flexibilität. All diese Dinge waren ein No-Go in Deutschland. Bis ich einen passenden Studienplatz gefunden habe, verging ein halbes Jahr. Gerade habe ich meinen Master bestanden und siehe da, das Studienprogramm wurde abgeschafft. Lohnt sich nicht. Egal wie wertvoll solche Programme für Menschen wie mich sind, die meisten Universitäten interessieren sich nur für die Mehrheit und wollen den Mehraufwand für ihre behinderten Studenten nicht wirklich auf sich nehmen. 

Doch plötzlich werden alle Universitäten wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen. 

Und innerhalb nur weniger Tage können Vorlesungen online verfolgt und Hausarbeiten per E-Mail versandt werden, und Studenten können mit den Professoren via Skype sprechen. Das gilt auch für Schulen. Schüler bekommen ihre Hausaufgaben täglich von den Lehrern per E-Mail oder What’s App und bleiben so auf dem Laufenden. Plötzlich ist das möglich, ohne das sich viel beschwert wird. Denn es geht um unserer aller Gesundheit und nicht mehr nur um die des einen Studenten, der mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung lebt. Diese Situation suggeriert, dass Menschen mit Behinderungen weniger wichtig sind, als unsere Mehrheitsgesellschaft. Und das macht mich traurig. Viele chronisch kranke und behinderte Menschen haben so viel zu bieten, doch bekommen nie die Chance dieses Potential auszuleben. 

Ein Arzttermin von zuhause aus. 

Telemedizin. Ein Traum für alle chronisch Kranken. An einem schmerzerfüllten Tag nicht quer durch die Stadt fahren zu müssen, um zu einem von Dutzenden Gesprächsterminen zu erscheinen, würde mein Leben so viel einfacher machen. In meiner recht modernen Hausarztpraxis in den USA kann ich vieles via Telefon, Videochat oder E-Mail erledigen, doch ganze Arzttermine online abhandeln, das gab es noch nicht. Auch das hat sich mit COVID-19 verändert. Zum Glück. Denn niemand möchte gerade für eine 10-minütiges Gespräch in einem Wartezimmer sitzen müssen. Immer mehr Ärzte greifen auf Telemedizin zurück und ermöglichen dadurch nicht nur den akut Kranken einen einfachen Zugang zu medizinischem Rat, sondern auch den Risikogruppen, für die ein Praxisbesuch mit schweren Konsequenzen verbunden sein könnte. Auch diese neue Barrierefreiheit gibt es nur wegen COVID-19. 

Jeder kann und soll im Homeoffice arbeiten. 

Auf einmal ist das gar kein Problem mehr. Wo es früher immer hieß, das geht nur persönlich, ist nun alles via Skype oder Zoom machbar. Für viele Menschen mit Behinderungen würde die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten den Unterschied zwischen Arbeitslosigkeit und normalem Einkommen bedeuten. Diese Option für Bewerber mit Behinderung einzuführen, schien bis vor Corona eine Ausnahme zu sein. Ich arbeite seit Jahren ausschließlich von meinem Sofa aus. Das geht nur deshalb, weil ich mir einen Bereich – Journalismus – ausgesucht habe, für den man nur bedingt persönlichen Kontakt braucht. Viele Jobs wären theoretisch barrierefreier, wenn die Angestellten von zuhause aus arbeiten könnten. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Professor. Es ging darum, wie schwierig es ist als chronisch Kranke eine Doktorandenstelle zu finden, die größtenteils online und aus der Ferne zu absolvieren ist. Er hat mir ganz klar gesagt, dass obwohl es im Journalismus eigentlich kein Problem wäre im Homeoffice zu arbeiten,  würden trotzdem Studenten bevorzugt, die persönlich an der Uni anwesend sein können. Behinderung hin oder her.

Helfende Nachbarn.

Die Coronakrise hat nicht nur Schlechtes bewirkt. In vielen Ländern unterstützen jüngere, gesunde Menschen die Risikogruppen. Vorbildlich haben die Kanadier das Konzept von ‘caremongering’ eingeführt und gezeigt, dass man auch in schweren Zeiten als Gesellschaft zusammenhalten kann. Versteht mich nicht falsch, ich finde das alles super und freue mich darüber, dass Menschen wie ich solche Unterstützung erfahren. Ich würde mir nur wünschen, dass es ein ähnliches Supportsystem auch gäbe, wenn die Welt nicht gerade Kopf steht. Manche Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen würden sich auch ohne Corona über Hilfe bei alltäglichen Aufgaben freuen. 

Stellt sich die Frage: Bleibt das so, auch wenn wir die Pandemie überstanden haben? 

Oder läuft es wie bei den meisten geschichtlichen Ereignissen so ab, dass wir nach ein paar Monaten zum Alltag zurückkehren und vergessen, was wir gerade erlebt haben? Für uns Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen konnte man all diese scheinbar relativ einfachen Veränderungen nicht vornehmen. Und das ist ein Schlag ins Gesicht. Über Jahrzehnte hinweg haben Aktivisten für mehr Barrierefreiheit kämpfen müssen, während im Angesicht einer Pandemie, die plötzlich nicht nur eine Minderheit, sondern 100 Prozent der Bevölkerung betrifft, innerhalb weniger Tage vieles barrierefrei gemacht wird, wovon vorher gesagt wurde, das wäre absolut inakzeptabel – wie z. B. von zuhause aus zu studieren.

Wollt ihr mehr über meine Gedanken zu Corona erfahren?

Dann lest Teil 1 meiner Coronablogposts. 

Nächste Woche erzähle ich euch in Teil 3 davon, wie ich mit meinen Ängsten in Bezug auf Corona umgehe. 

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