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Drei typische Vorurteile zum Thema Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen

Ein junges Mädchen mit Kopfbedeckung sitzt in einem Rollstuhl und fängt einen Basketball.

Von Karina Sturm.

Ich wurde eingeladen im Zuge eines Gewinnspiels von Sanitäts Online einen Beitrag zum Thema Hilfsmittel zu verfassen. Dem komme ich gerne nach. Ich nutze bislang diverse Bandagen, Stöcke, und teilweise einen Rollstuhl – aber nur in Ausnahmesituationen. Daher möchte ich betonen, dass ich nur über die Teilzeitnutzung sprechen kann. Heute geht es aber auch mehr um die falschen Vorstellungen und die Vorurteile unseres Umfelds in Bezug auf Hilfsmittel allgemein. Los geht’s. 

Es bestehen unglaublich viele Vorurteile zum Thema Rollstuhl und anderen Hilfsmitteln, die ich heute gerne ausräumen möchte. Ihr kennt das bestimmt auch: Diesen Moment, wenn ihr euren Ärzten, Physiotherapeuten, der Familie oder gar Fremden erzählt, dass ihr endlich einen Rollstuhl, Rollator oder ein sonstiges Hilfsmittel beantragt habt. Freudig plaudert ihr von dem coolen neuen Gerät, das euch mehr Freiheit gibt, doch das Gegenüber starrt euch geschockt an. 

Warum ist das so? Das möchte ich an ein paar Beispielen illustrieren. 

Ein Gespräch mit meiner Hausärztin

“Ich würde gerne einen Rollstuhl beantragen. Gerade an schlechten Tagen tu’ ich mich schwer viel zu gehen. Ich hätte deutlich mehr Freiheit, wenn ich dann einen Rollstuhl nutzen könnte”, erkläre ich. 

“Hm, ich kann das schon unterstützen, aber ich bin besorgt, dass du dich dann gar nicht mehr bewegst”, sagt meine Hausärztin, die, nebenbei erwähnt, eine der kompetentesten Ärzte ist, die ich je hatte. Sie hat ein breites Wissen zu den Ehlers-Danlos-Syndromen und allem was dazu gehört. Trotzdem ist sie kein Fan von der Idee. 

“An diesen schlechten Tagen bewege ich mich ohnehin nicht. Wenn ich nicht laufen kann, dann liege ich auf dem Sofa”, sage ich. 

“Na gut. Aber du musst mir versprechen, dass du dich trotzdem weiterhin so viel bewegst, wie du kannst”, stresst sie. 

Vorab, natürlich nutze ich so gut ich kann meine Beine, aber das geht halt nicht jeden Tag. Mal ganz abgesehen, dass die Stadt in der ich lebe ein Albtraum für Rollstuhlfahrer ist. Mit Barrierefreiheit ist da nicht viel. Was mich allerdings an der Aussage meiner Ärztin am meisten irritiert hat, ist diese Fehlannahme, dass ein Rollstuhl einem Körperfunktionen wegnimmt. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sieht das so aus, dass ich auf meiner Couch liege und Netflix bingewatche. Ich muss dann alle Termine absagen und kann praktisch nicht funktionieren. Ein Rollstuhl schenkt mir an solchen Tagen Lebensqualität und hilft mir trotzdem am Leben teilzunehmen und zu ‚funktionieren.’ Was meine Hausärztin nicht versteht ist, dass ein Rollstuhl für mich kein ‘Rückschritt’ in meinem Krankheitsverlauf ist, sondern viel mehr eine Möglichkeit mein Haus zu verlassen, an einem Tag, an dem ich sonst kaum von Sofa bis Toilette komme. 

Ein Gespräch mit Familie

“Ich werd’ jetzt endlich mal einen Rollstuhl beantragen”, sage ich. 

Schweigen; traurige Blicke; Tränen. 

“Das ist kein Grund, um traurig zu sein. Alles gut. Damit ändert sich wirklich gar nichts”, bestärke ich meine Familie. 

“Aber warum brauchst du denn einen Rollstuhl? Du kommst doch so auch ganz gut klar”, sagt meine Familie. 

“Ja schon, aber mit Rollstuhl hätte ich halt mehr Freiheiten.” 

Unverständnis. 

Die meisten Menschen sehen einen Rollstuhl als ein großes Drama an.  Meine Familie z. B. sieht ihn als ein offensichtliches Zeichen, dass es mir wohl schlechter geht als zuvor. Da meine Behinderung größtenteils unsichtbar ist, kann ich in der Regel als optisch völlig ‘gesund’ durch den Alltag gehen. Ein Rollstuhl steht für meine Familie als ein Zeichen der Gebrechlichkeit; ein Gerät, das förmlich danach schreit: “Ich bin schwer krank.” Diese Vorurteile auszuräumen ist schwierig. Das ist im Prinzip gelernter Ableismus (Diskrimierung von und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung und ihren Fähigkeiten). Ein Rollstuhl ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Mittel um Freiheit, Unabhängigkeit und Lebensqualität zu gewinnen. 

Ein Gespräch mit Hilfsmittelgeschäften

“Kann ich den Rollstuhl auch in einem anderen Design oder einer anderen Farbe haben?”, frage ich. 

“Ähm, weiß nicht. Aber spielt das eine Rolle? Funktionieren muss er doch. Nicht hübsch sein”, sagt das Sanitätshaus.

“Naja, sicher ist die Funktion das Wichtigste, aber wenn ich den Rollstuhl ständig benutze, wäre es schon schön, wenn er auch cool aussieht”, sage ich. 

Ja wieso soll ein Rollstuhl denn hübsch sein? Lass es mich so formulieren: Kaufst du dir Kleidung oder eine Handtasche ausschließlich für die Funktion oder auch weil sie gut aussehen? Wenn ich etwas so viel benutze wie ein Hilfsmittel; wenn dieses Hilfsmittel praktisch den ganzen Tag um mich herum ist und ein völlig normaler Teil meines Lebens ist; wenn ich den Rollstuhl morgens wie eine Hose anziehe, dann soll er schon irgendwie gefallen. Für viele Menschen ist ein Rollstuhl eben nicht mehr als ein Hilfsmittel. Für mich hingegen, ist er ein Teil meines Lebens. 

Und last, but not least: Ein Gespräch mit Fremden

Die typische Situation: Ich nutze einen Rollstuhl am Flughafen, werde bis zum Gate gefahren, stehe dann auf, um zu meinem Sitz zu gehen. Starrende Blicke. Geflüster. 

“Aber du kannst ja gehen! Warum nutzt du dann einen Rollstuhl?” Das ist die nette Version eines Kommentars, den man als Teilzeitrollstuhlfahrer in solchen Situation bekommt. Oft hören sich die Sprüche auch eher an wie: “Oh, sie spielt das also nur vor.” 

Viele Menschen denken, man würde nur einen Rollstuhl nutzen, wenn man seine Beine gar nicht bewegen kann. Rollstühle werden oft mit Lähmung durch Unfall in Verbindung gebracht. Nur wenige Menschen verstehen, dass es ganz viele Behinderungen gibt, die bestimmte Körperteile einschränken. Und noch viel wichtiger: Es gibt auch Erkrankungen und Behinderungen, die fluktuieren. Das heißt an einem Tag geht es den Betroffenen gut und sie können gehen; am nächsten Tag sind sie aufgrund von chronischen Schmerzen oder anderen Gründen nicht im Stande sich körperlich zu belasten und nutzen einen Rollstuhl. 

Die Bottomline dieses Beitrags ist: Es gibt unzählige Gründe einen Rollstuhl zu nutzen; Rollstühle sind nichts schlimmes oder dramatisches; sie stehen nicht für ‘Schwäche’ oder ‘Einschränkung’, im Gegenteil, sie bieten Freiheit, Selbständigkeit, Lebensqualität und es schadet auch nicht, wenn sie verdammt cool aussehen. Nicht-Behinderte kaufen ja nicht mal ein Auto nur für die Funktionalität, obwohl ein fahrbarer Untersatz sicher nicht mit einem wertvollen Hilfsmittel wie einem Rollstuhl zu vergleichen ist. 

Bildnachweis: Andi Weiland | gesellschaftsbilder.de

2 Kommentare
  1. Jochen Scheuer sagte:

    Ich habe seit 2 Jahren die Diagnose PPMS. Als Hilfsmittel nutze ich einen Rollator. Mit diesem Teil kann ich auch länger unterwegs sein, denn immer wenn es nicht mehr weiter geht, habe ich eine Sitzgelegenheit dabei. Mir ist bewusst, dass auch irgendwann der Rollstuhl in mein Leben kommt. Nach Lesen des Artikels hoffe ich, dass ich den Rollstuhl nicht erst dann bekomme, wenn es gar nicht mehr geht.
    Vielen Dank dafür, Jochen Scheuer

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    • karinabutterfly sagte:

      Hi Jochen, danke dir für diesen netten Kommentar! Es freut mich wahnsinnig, dass du durch dein Hilfsmittel mehr Lebensqualität hast.

      Gruß,

      Karina

      Antworten

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