Karina, eine Frau mit 8mm rasierten Haaren und langen federähnlichen Ohrringen steht an einen grünen Zaun angelehnt.

Von Karina Sturm.

Die COVID-19-Pandemie und die Frage, wie lange wir alle noch in unseren vier Wänden verbleiben, hat bei vielen Menschen zu den verschiedensten Ängsten geführt. Auch bei mir hat es mehrere Wochen gedauert, bis ich die Angst wieder im Griff hatte und meinen Fokus erneut auf meine Projekte richten konnte. Eine Zeit lang war ich wie versteinert und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Als ich mich endlich wieder einigermaßen normal fühlte, entschied ich spontan meine Frisur zu verändern… Neben den Bildern, findet ihr im folgenden Blogpost auch die Hintergrundgeschichte. 

In meiner Jugend bin ich oft für meine Frisur gehänselt worden. 

Damals hatte ich feuerrote Haare, die stachelig in alle Himmelsrichtungen abstanden und in denen vermutlich eine halbe Dose Haarspray pro Tag verarbeitet war. Alle vier Wochen wurden die Haare nachgefärbt und -geschnitten und selbst beim Sport war ich gestylt. Gedanken habe ich mir damals nie darüber gemacht, ob ich der ‘Norm’ entspreche. Ich mochte meine Haare und war stolz, dass man mich aus 100 Metern Entfernung bereits sehen konnte. 

Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem ich mein Aussehen hinterfragte. 

Ich erinnere mich an einen Abend bei einem Volleyballturnier. Mit meinem damaligen Freund und vielen anderen guten Bekannten zusammen gab es ein paar Bier und viele Lacher. Als der Abend etwas später wurde und die Leute etwas lustiger, meinte eine der Volleyballerinnen, die ich eigentlich nicht sonderlich kannte, dass ich doch keinen Fake-Freund haben sollte, wenn ich offensichtlich nicht straight bin. Erst war mir gar nicht klar, was sie da meinte. Ich bin in einer relativ kleinen, konservativen Stadt aufgewachsen, in der ich nie wirklich viel Kontakt zur LGBTQ-Community hatte (ganz im Gegenteil zu heute, wo der Großteil meines Freundeskreis aus Minderheiten besteht).

Dann realisierte ich, dass sie dachte, ich wäre lesbisch. 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie auch nur einmal mein Aussehen hinterfragt. Ich war immer relativ OK mit meinem Körper. Wirklich nachvollziehen, warum diese Person anhand einer Frisur eine sexuelle Orientierung bestimmen kann, konnte ich zwar nicht, aber damals fühlte ich mich so tief verletzt, dass ich nicht zu reagieren wusste. Dass jemand ohne mich zu kennen, über mich urteilen würde, war mir zum dem Zeitpunkt noch fremd. Heute, als Teil der Disability Community, ist man mehr daran gewöhnt… Rückblickend bin ich beschämt darüber, dass ich nicht reagiert habe, aber ich schätze dafür fehlte mir die Erfahrung und der Mut. Mal abgesehen davon, dass es völlig egal ist, ob ich straight bin oder nicht, die Tatsache, dass jemand meint aufgrund von Äußerlichkeiten über einen zu urteilen und ihn gleichermaßen ja fast noch öffentlich outen würde, wäre die Vermutung korrekt, ist auf so vielen Ebenen völlig daneben. 

Ein halbes Leben vorwärts und ich rasiere meine Haare auf 8 mm. 

Warum? Weil ich das schon immer mal versuchen wollte. Die Quarantäne hat mich nicht plötzlich durchdrehen lassen, aber sicher einen Teil dazu beigetragen, dass ich den Mut gefasst habe, zu sehen wie mein Kopf fast ohne Haare aussieht. Die Glatze war mir dann doch zu extrem. Ich dachte mir, es kommt nie mehr so ein guter Zeitpunkt für Experimente. Schließlich sieht mich die nächsten drei bis sechs Monate oder gar länger ohnehin kaum jemand. Und mit den zehn Mützen, die ich gerade gestrickt habe, habe ich genug Abwechslung auf dem Kopf, für den Fall, dass die neuen Haare scheiße aussehen.

Am Wochenende wars dann soweit: Haare ab. 

Wenige Minuten mit dem Rasierer über den Kopf und schon wars erledigt. Ich hatte vorher schon so kurzes Haar, dass wir nicht einmal eine kleine Sandwichtüte füllen konnten. Ich habe viel gelacht, ein bisschen geweint, aber mich generell so lebendig wie schon lange nicht mehr gefühlt. Die Haare abzurasieren, war wie ein Befreiungsschlag. 

F**k Gender Norms.

Ich war wenig erschrocken über meine kurzen Haare, als ich sie dann im Spiegel sah. Eigentlich fand ich die Frisur ziemlich cool. Mir ist endlich wirklich bewusst geworden, dass ich sein kann wer auch immer ich will und keiner hat das Recht darüber zu urteilen. Ob Frauen lange oder kurze Haare haben, geht keinen was an und hat auch nichts mit Attraktivität oder sexueller Orientierung zu tun. Diese völlig überholten ‘Gender Normen’, wie eine Frau auszusehen hat oder was sie beruflich tun sollte, sollte uns nicht interessieren, aber trotzdem wird uns ständig vermittelt, wir hätten eine bestimmte Rolle zu erfüllen. ‘Frauen bekommen Kinder’, ‘Frauen bleiben zuhause, wenn sie Kinder haben’, ‘Frauen kochen und putzen’, ‘Frauen haben lange Haare und tragen Röcke’. 

Klar können Frauen all das, aber sie müssen nicht. 

Der Punkt ist, dass jede Frau selbst entscheiden darf, was sie sein will. Das muss nicht in ein Bild passen. Und ich habe nur 33 Jahre gebraucht, um das festzustellen. Ich mag meine neuen Haare. Ich mag was sie symbolisieren: Freiheit und Unabhängigkeit und zu einem gewissen Teil auch ein kleines ‘F**k you’ an die Menschen, die mich an mir selbst zweifeln haben lassen. 

Mittlerweile haben mehrere meiner Mädels auch super kurze Haare. Wer macht mit?


2 Kommentare
  1. Christine Leukam sagte:

    Moin Karina,

    Das steht Dir super, dein hübsches Gesicht kommt jetzt viel mehr zur Geltung.
    Ich selbst trage schon lange ultrakurz, bin quasi mit Braun Bartschneider aufgewachsen…
    Zum einen weil es einfach super praktisch ist und es tatsächlich auch für mich damals etwas von einem Befreiungsschlag hatte.
    Ein Frisur, Hautfarbe, Kleidung, Nationalität etc., sprich das Äußere werden nur von Menschen in Schubladen gesteckt, die auch in Schubladen denken, das ist meine persönliche Erfahrung. Für alle anderen hat das gar keine Bedeutung, weil sie Dich immer als Mensch sehen, als Ganzes.
    Bleib gesund und mach genauso weiter. :-)

    Antworten
    • karinabutterfly sagte:

      Hallo liebe Christine,

      Danke dir. :* Ich bin mittlerweile sehr glücklich mit meiner neuen Frisur. Und ich stimme dir absolut zu. Die meisten der Menschen in meinem Umfeld haben sehr positiv auf die neue Frisur reagiert. :)

      Gruß,

      Karina

      Antworten

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