Nicole, eine Frau mit blonden Haaren und strahlend, blauen Augen ist in der Natur. Sie trägt einen Rollkragenpulli und ihre Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Von Nicole Etti.

Frontaler Zusammenstoß mit 70 km/h.

2015 hatte ich einen schweren Autounfall. Ich stieß mit 70 km/h ungebremst mit einem Kleinwagen zusammen. In dem Moment, in dem ich das Auto wahrgenommen hatte, war es auch schon zu spät. Ich wusste, jetzt knallt’s! Alles ging so schnell. Ich konnte nicht mehr vom Gas gehen. Der Aufprall war das schrecklichste Gefühl meines Lebens. Es quietschte; dann kam der Knall. Und schon schoß mir der Airbag ins Gesicht. Was danach passierte, weiß ich nicht mehr. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, stand ich mit meinem Auto auf der Gegenspur in die Leitplanken gedrückt. Und plötzlich war alles anders. Von diesem Tag an lebte ich mit starken Schmerzen meines Nackens, die später als chronische HWS-Distorsion diagnostiziert wurden. 

Vier Jahre lang lebte ich mit täglichen Schmerzen. 

Jeden einzelnen Tag stand ich mit Kopfschmerzen, Genickschmerzen und eingeschlafenen Fingern auf. An manchen Tagen bekam ich kaum Luft und konnte mich nicht bewegen. Oft fühlte ich mich so gerädert, dass ich alleine um aus dem Bett zu kommen, zwei Stunden brauchte. Ich probierte alle erdenklichen Therapien aus. Physiotherapie, manuelle Therapie, Osteopathie, Wärmebehandlung. Ohne Erfolg. Mein Geld investierte ich in neue Kissen, Akupressurmatten, Nackenrollen und diverse Hilfsmittel mit der Hoffnung auf Besserung. Doch nichts half. 

Ich suchte unzählige Ärzte auf. 

Keiner glaubte mir. Ich hörte die typischen Sprüche wie: 

“Sie bilden sich das nur ein.”

“Sie brauchen einfach nur mehr Ruhe.”

“Trinken Sie auch genug?” (Wegen des Schwindels).

Alternativ wurden meine stetig schlechter werdenden Symptome auf mein HWS-Trauma geschoben. 

Mehr als nur ein HWS-Trauma.

Im Juli 2019 sprang mir ein Reh vor mein Auto, was meine Nackenschmerzen noch weiter verschlechterte. Ein MRT der Halswirbelsäule wurde angeordnet. Ganz versteckt im Nebenbefund stand: Kleinhirntonsillentiefstand. Ich fing an zu googeln und stieß auf Sonja Böckmann, eine Betroffene, die sich für Menschen mit Chiari-Malformation einsetzt. Sie riet mir einen Experten aufzusuchen. Der schickte mich zu einer Rehamaßnahme, da ich mittlerweile seit meinem Wildunfall krankgeschrieben war. 

Doch die Reha half nicht. 

Ganz im Gegenteil. Dort wurde eine Traktion meiner Halswirbelsäule durchgeführt. Dabei wird der Nacken lang gezogen, was wahnsinnige Schmerzen auslöste. Danach konnte ich mich kaum bewegen und hatte Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schwindelanfälle und wackelige Beine. Mittlerweile hat sich mein Zustand sogar noch weiter verschlechtert. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper so nicht mehr weitermachen kann. Die morgendlichen Nackenschmerzen sind noch das kleinste Übel. 

Arbeiten wird immer schwieriger.

Sieben Stunden zu arbeiten ist für mich kaum noch auszuhalten. Als Fachkraft für Lagerlogistik besteht meine Arbeit daraus kleine und mittelgroße Teile zu verpacken, was ständig zu starken Kopfschmerzen, einem Druckgefühl im Kopf und Nackensteifigkeit führt. Mit jeder Stunde breitet sich der Kopfschmerz weiter aus. Dazu kommt Schwindel, zitternde Hände und die Schmerzen entlang der ganzen Wirbelsäule. Wenn es dann endlich Feierabend ist, bekomme ich nichts mehr auf die Reihe. Ich will einfach nur schlafen. Die Schmerzen sind so unerträglich, dass ich nahe der Verzweiflung bin. 

Tausend Fragen und eine wahnsinnige Angst vor der Zukunft plagen mich.

Vor wenigen Tagen sprach ich mit einem Experten darüber, ob eine Operation mir mehr Lebensqualität geben würde. Der Eingriff wäre eine subokzipitale Kranioektomie mit Duraerweiterung. Das heißt eine Operation am Gehirn, bei der ein Teil des Schädelknochens am Hinterhaupt entfernt und zusätzlich die Rückenmarkshaut erweitert wird. Eine schwierige Entscheidung für mich. Ob dieser Eingriff wirklich hilft, ist fraglich. Derzeit rät mir mein Arzt dazu abzuwarten und die Bildgebung zu wiederholen. 

Doch ich wünsche mir nichts mehr, als meine strahlenden Augen zurückzubekommen.

Im Moment ist mein Alltag schmerztechnisch eine Hölle auf Erden. Meine lebensfrohe Art und meine strahlenden Augen sind Geschichte. Ich will meinen Arbeitsplatz nicht verlieren und möchte zurück in mein altes Leben. Vor dem Unfall ging ich oft mit Freunden Gokart fahren, feierte in Discos und war Teil von Konzerten und Festivals. Heute ist nichts mehr davon übrig. Meine Leidenschaft – die Fotografie – kann ich aufgrund der Schmerzen und des Schwindels nicht mehr ausüben, was mir wahnsinnig weh tut. 

Doch ich gebe nicht auf. 

In der Hoffnung die Schmerzen loszuwerden, Lebensqualität zu gewinnen, meine Arbeit wieder vernünftig ausführen zu können, morgens ohne Schmerzen aus dem Bett zu kommen, und endlich wieder mit meiner Kamera auf Reisen zu können. Und dafür kämpfe ich. 

Mehr zu Chiari-Malformation könnt ihr hier finden. 

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